Nakba: Die vergessenen Ursprünge der palästinensischen Katastrophe im 19. Jahrhundert

Joseph Massad, middleeasteye.net, 14.05.20

Die zionistisch-jüdische Kolonisierung Palästinas bildete den Höhepunkt der europäischen christlichen Kolonisationsbemühungen des Landes in den 1800er Jahren. Die Nakba, der Verlust von Land und Existenzgrundlage der Palästinenser, begann in den 1880er Jahren mit der Ankunft der ersten zionistischen jüdischen Kolonisten. Sie vertrieben die Palästinenser von dem Land, das die Kolonisten von abwesenden Grundbesitzern erworben hatten. Anglikanische Eiferer versuchten, die europäischen Juden zu bekehren und ihre Auswanderung nach Palästina zu fördern, wo sie ein Missionarsnetzwerk gründeten. Die Nakba ist eine andauernde Katastrophe, die bis heute die Situation der Palästinenser bestimmt.

Die Jahre 1948 und 1967 sind Tief-punkte, an denen größere und monumentalere Verluste an Land und Rechten zu verzeichnen sind, und 1993, das Jahr von Oslo, ist ein Einschnitt, an dem die Palästinenser ihren Anspruch verloren, ihr gestohlenes Heimatland mit ihrer ehemaligen Befreiungsbewegung zurückzuerlangen, da diese zum Kollaborateur wurde. Die zionistisch-jüdische Kolonisierung Palästinas war jedoch ein Gipfelpunkt der europäischen christlichen Kolonisierungsbemühungen, die bis zur Invasion Napoleons und dessen Niederlage in Akkon im Jahr 1799 gegen die Osmanen und ihre britischen Verbündeten zurückgehen. Tatsächlich war diese europäische christliche Kolonisierung des Landes während eines Großteils des 19. Jahrhunderts der Auftakt zur zionistisch-jüdischen Kolonisierung am Ende dieses Jahrhunderts. Fanatische Missionare Während die protestantische Reformation die erste christlich-europäische Bewegung war, die die Bekehrung und „Rückkehr“ der Juden nach Palästina forderte, waren es die Briten, die mit den Plänenzur Kolonisierung und Christianisierung begannen. Pionierarbeit leisteten die fanatischen Missionare der Londoner Gesellschaft zur Förderung des Christentums unter den Juden (gegründet 1809), im Volksmund bekannt als Londoner Jüdische Gesellschaft. Anglikanische Eiferer versuchten, die europäischen Juden zu bekehren und ihre Auswanderung nach Palästina zu fördern, wo sie ein Missionarsnetzwerk gründeten. In den 1820er Jahren wurde diese von britischen Politikern und Lords geförderte Gesellschaft von jüdischen Konvertiten geleitet, die es für nötig hielten, mehr jüdische Konvertiten nach Palästina zu schicken, um die Juden zu missionieren.

Bald errichteten die Briten 1838 das erste ausländische Konsulat in Jerusalem, und die Kirche von England gründete 1842 ein anglikanisches Bistum in der heiligen Stadt.Der erste Bischof, Michael Solomon Alexander, war ein deutsch-jüdischer Konvertit, der vor seiner Bekehrung Rabbiner gewesen war. Die Briten kauften Land, und ihr Konsul richtete mehrere Institutionen ein, um Juden unter anderem in der Landwirtschaft zu beschäftigen. Auch die britischen Kolonisten selbst begannen, Land zu kaufen und sich in der Landwirtschaft zu versuchen. In den 1850er Jahren betrug die Bevölkerung Palästinas weniger als 400.000 Menschen, darunter etwa 8.000 Juden. Die Hälfte waren palästinensische Juden, die der spanischen Inquisition im 16. Jahrhundert entkommen waren; die andere Hälfte waren messianische kabbalistische Juden, die in den frühen Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Erwartung der Ankunft des Messias aus Russland kamen. Londoner Jüdische Gesellschaft bekehrte ein paar Dutzend, aber die Rabbiner wehrten sich und exkommunizierten Juden, die mit den Missionaren verkehrten.

Sie appellierten an die europäisch-jüdischen Wohltäter, die Rothschilds und Moses Montefiore, und baten um Hilfe. Letzterer richtete Krankenhäuser ein und kaufte Land für arme Juden, damit diese nicht zum Protestantismus über-traten. Gerangel um Palästina Der erste größere europäische Krieg, der das einläutete, was wir das „koloniale Gerangel um Palästina“ nennen sollten – nämlich der Krimkrieg von 1853-1856 – wurde durch europäische Ansprüche auf den „Schutz“ der Christen Palästinas ausgelöst. Der Krieg wurde durch französische und britische Bedenken angefacht, die meinten, dass Russland die Übernahme Palästinas plane, insbesondere wegen der großen jährlichen russisch-christlichen Pilgerfahrt nach Jerusalem zu Ostern. Abgesehen von der Eifersucht und Besorgnis westeuropäischer christlicher Mächte wegen Russlands echtem und eingebildetem Expansionismus auf Kosten eines geschwächten Osmanischen Reiches, auf das Frankreich und Großbritannien enormen Einfluss gewonnen hatten, sollte das Gefühl, dass Palästina – einschließlich seiner heiligen christlichen Stätten und seiner arabisch-christlichen Bevölkerung – allein den christlichen Westmächten ein Anliegen sein müsste, zu einer Bedrohung russischer Interessen werden.

Die Russen waren nervös wegen der Fortschritte der protestantischen und katholischen Institutionen in Palästina, ganz zu schweigen von der Vernachlässigung und Korruption im griechischen Klerus, der seit dem 16. Jahrhundert für die orthodoxen Palästinenser zuständig war und nach dem Tod des letzten palästinensischen Patriarchen Atallah 1543 von den Osmanen an die Macht gebracht wurde. Im Vorfeld des Krimkrieges bestanden die europäischen lateinischen Katholiken auf der Wiederherstellung ihrer ausschließlichen Rechte an den christlich-palästinensischen Heiligtümern, die während der Kreuzzüge errichtet, zwar im 14. Jahrhundert unter den Mamelucken wiedererlangt, aber nach der Eroberung durch die Osmanen an die griechisch-orthodoxe Kirche verloren gegangen waren. Die Osmanen erließen ein Edikt, das einige ihrer Privilegien auf Kosten der Orthodoxen am Heiligen Grab der Geburtskirche und Gethsemane wiederherstellte. Die palästinensischen Orthodoxen – Geistliche und Laien – waren in Aufruhr, ebenso Zar Nikolaus I. Dies wurde zum casus belli für den Krimkrieg. Mit der Niederlage Russlands beschleunigte sich die Invasion der lateinisch-katholischen und protestantischen Missionare in Palästina um ein Vielfaches. Britische Eiferer In der Zwischenzeit kam 1851 eine weitere fanatische Missionsorganisation, die 1799 gegründete Church Missionary Society, auf den Plan, um die palästinensischen Ostchristen zu bekehren.

Die britischen Eiferer richteten Schulen, Krankenstationen und medizinische Einrichtungen ein, um Bekehrte zu gewinnen, während die östlichen christlichen Kirchen in ganz Palästina Widerstand leisteten. Als Reaktion auf die Missionare gründete ein französisch-jüdischer Staatsmann 1860 die Alliance Israelite Universelle Schulen für osmanische Juden. Ein französisch-jüdischer Philanthrop initiierte landwirtschaftliche Institutionen für die jüdische Bevölkerung. Die heutigen amerikanischen evangelikalen Fanatiker, die die fortschreitende zionistische Kolonisierung des Landes unterstützen, sind genauso antisemitisch wie ihre Vorgänger aus dem 19. Jahr-hundert. An der US-Front wurden in den 1820er Jahren amerikanische protestantische Missionare nach Palästina entsandt, sie entschieden sich jedoch, ihr Glück in Syrien zu versuchen, und verließen das Land in den 1840er Jahren mit der Zusicherung ihrer britischen Glaubensgenossen, dass letztere sich um die Palästinenser kümmern würden. Aber andere folgten, darunter Dutzende von Adams-Kolonisten (Anhänger von George J. Adams – Pako), ehemalige Mormonen, die zwischen 1866 und 1868 eine Siedlerkolonie in Jaffa errichteten, um das Land auf die „Rückkehr“ der Juden vorzubereiten, die vor der Wiederkunft der Welt bekehrt werden sollten. Ihre Bemühungen scheiterten, aber dies geschah zum Wohle einer neuen Gemeinschaft deutscher protestantischer Kolonisten, der so genannten Templer, die in den 1860er Jahren nach Palästina kamen und landesweit eine Reihe von Kolonien errichteten, unter anderem auf dem Land der Adams-Kolonie in Jaffa.Die deutsche Marine kam an die Küsten Palästinas, um diese während des russisch-osmanischen Krieges 1877-78 zu verteidigen.

Die Templer wollten Palästina in einen christlichen Staat verwandeln und hofften, dass dieser nach dem Krieg Deutschland zugesprochen würde, aber sie sollten enttäuscht werden. Sie florierten, bis die Briten und, nach ihnen, die jüdischen Zionisten sie außer Landes drängten. 1881 kamen auch mehr Amerikaner, wie die fundamentalistische Spafford-Familie aus Chicago, die in Jerusalem eine Kolonie errichteten. In den 1890er Jahren schlossen sich ihnen schwedische Fundamentalisten an. Sie kauften den Palast von Rabah al-Husayni, um ihre Kolonie zu gründen. Heute ist dies das American Colony Hotel in Jerusalem. Auftakt zu weiteren Unglücksfällen Europäische Könige und Königinnen besuchten das Land, legten im Namen ihrer Missionare Fürsprache ein und forderten mehr Rechte und Privilegien für sie.

Doch die Dinge änderten sich in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts spürbar, als die frühe zionistisch-jüdische Einwanderung aus der russischen Kolonialsiedlung Odessa begann, die ihrerseits auf den Ruinen der osmanischen Stadt Hacibey errichtet wurde. Die Londoner Jüdische Gesellschaft war begeistert, dass mehr Juden ankamen, die sie bekehren konnte. Sie richtete in London die Jewish Refugees Aid Society ein, um deren Einwanderung zu erleichtern. Moses Friedlaender, ein jüdischer Konvertit, wurde in Palästina mit der Leitung betraut. Für die jüdischen Kolonisten wurde Land südwestlich von Jerusalem gekauft, aber da die Rothschilds bereits jüdische Kolonien gründeten, schlossen sich die meisten jüdischen Anhänger Friedländers 1886 den zionistischen Kolonien an. Trotz dieses Misserfolgs behauptete die Londoner Jüdische Gesellschaft, Vorreiter der jüdischen Kolonisierung des Landes zu sein, was darauf hindeutet, dass jüdische Philanthropen zu „Eifersucht und Wetteifer“ angestachelt wurden.

Zu diesem Zeitpunkt kamen die Kolonisten der Jewish Lovers of Zion (Hovevei Zion) aus Odessa und gründeten die ersten zionistischen Kolonien, womit die palästinensische Nakba begann, die bis heute andauert. Der Fanatismus der britischen, deutschen und US-amerikanischen protestantischen Kolonisten in Palästina im 19. Jahrhundert war der Auftakt zu so vielen weiteren Katastrophen, die das palästinensische Volk trafen. Jüdische fanatisierte Zionisten würden die Sache zu Ende bringen. Die heutigen amerikanischen evangelikalen Fanatiker, die die fortschreitende zionistische Kolonisierung des Landes unterstützen, sind genauso antisemitisch wie ihre Vorgänger aus dem 19. Jahrhunderts. Aber am Ende des 19. Jahrhunderts erkannten die protestantischen Fanatiker, dass sie Palästina nicht in ein protestantisches Land verwandeln konnten, da sie bis dahin nur etwa 700 Juden und 1000 palästinensische Ostchristen bekehrt hatten. Ihre kolonialen Förderer sahen ein, dass das bestmögliche Szenario für eine europäische Kolonialsiedlung in Palästina eine mit dem protestantischen Fundamentalismus verbündete jüdische Siedlerkolonie war. Das war der Zionismus im 19. Jahrhundert, und er ist es bis heute.

Joseph Massad ist Professor für moderne arabische Politik und intellektuelle Geschichte an der Columbia University in New York. Er ist Autor zahlreicher Bücher sowie akademischer und journalistischer Artikel. Zu seinen Werken gehören „Colonial Effects: Die Entstehung einer nationalen Identität in Jordanien“, „Das Begehren der Araber“, Das Fortbestehen der Palästinenserfrage“: Essays über den Zionismus und die Palästinenser“und „Islam im Liberalismus“.Seine Bücher und Artikel sind in ein Dutzend Sprachen übersetzt worden.

Übersetzung: Pako – palaestinakomitee-stuttgart.de

Quelle: https://www,middleeasteyenet/opinion/nakba-palestinian-catastrophe-began-19th-century-and-continues-day