Im „Taz-Salon“ wird gefragt: „Wie antisemitisch sind wir?“

taz v. 10.09.16 – Ausriss

Die Fragestellung ist zwar etwas merkwürdig; aber die Veranstaltung am 13. September 2016, um 19 Uhr im Kulturzentrum Lagerhaus, Schildstraße 12-19, wird mit Sicherheit interessant. Teilnehmer des „Salons“ sind:

  • Helmut Hafner, zuständig für kirchliche Angelegenheiten in der bremischen Senatskanzlei,
  • Kirsten Kappert-Gonther, MdBB, Bündnis90/Die Grünen, Vorstandsmitglied der DIG Bremen,
  • Peter Ullrich, Zentrum für Antisemitismusforschung, Berlin und
  • Rolf Verleger, Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung, Lübeck.
  • Moderation: Benno Schirrmeister, Redakteuer der taz.nord.

Mit Rolf Verleger hat die Taz am 10.09.16 schon vorab ein Interview geführt.

Die Taz fragt:  Sie kommen ja zum taz Salon über Antisemitismus nach Bremen, deshalb hatte ich Ihnen vorab ein paar Artikel gemailt. Sie antworteten mir: Eher als ein Antisemitismusproblem hätten wir ein Problem vor allem des Wissens darüber, was Judentum ausmacht. Was meinen Sie damit?

Rolf Verleger: Ich meine damit, dass Judentum sehr viel mehr ist als die Unterstützung Israels. Der geistige Führer des liberalen deutschen Judentums, Rabbiner Leo Baeck, hat das Judentum als die Religion der tätigen Moral charakterisiert. Das Judentum sollte und wollte das Leuchtfeuer der Moral unter den Völkern sein. Dazu ist es nach der Tradition auserwählt unter den Völkern, um das Gesetz Gottes unter den Menschen zu verbreiten – und nicht etwa, um ein schönes Land zu bekommen. mehr

Die NachDenkSeiten v. 12.09.2016 verweisen ebenfalls auf die Veranstaltung und das Interview. Ein Leser der NDS kommentiert: „Interessant, wie schon die Fragen so voller Unterstellungen sind, dass Verleger immer richtig stellen und sich rechtfertigen muss. Die ‚Diskurse‘ über Israel sind so von den Antideutschen hysterisiert und diffamierend, dass es an andere bekannte Denk- und Sprechverbote gemahnt. Gruselig. Umso dankbarer ist man für die Geradlinigkeit und Standfestigkeit von Rolf Verleger.“

Jens Wernicke von den NachDenkSeiten verweist auf einen Artikel BIB-Blog (Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung E.V.i.G.:

Was hat die Besatzung mit uns hier in Deutschland zu tun? Viel.

Immer wieder hört man derzeit Leute sagen, in Israel sei es gerade wohl „sehr ruhig“. Gemeint ist, dass die Nachrichten nicht unaufhörlich von Messerattacken, einem „Gazakrieg“ oder anderen Katastrophen berichten. Leider sieht die Realität vollkommen anders aus. Das Maß der Katastrophe sollte am individuellen und kollektiven Schicksal gemessen werden und nicht an der Sensation, die die Nachricht in die Schlagzeilen katapultiert. Aber offensichtlich sind alltägliche, sich ständig wiederholende Ereignisse – seien sie noch so katastrophal und schicksalhaft für die Geschädigten – selten eine Meldung wert.

So ist es etwa mit den geschätzten 2.000 Hauszerstörungen, die Jahr für Jahr durchgeführt werden, denen ausschließlich palästinensische „illegal gebaute“ Häuser zum Opfer fallen und die in der Weltöffentlichkeit kaum mehr Beachtung finden. Nur einige Menschenrechtsorganisationen wie Jewish Voice for Peace oder B’Tselem berichten darüber, rufen zum Protest auf; wenige individuelle Anschreiben erreichen die Vorzimmer von Ministern, vereinzelt erscheint eine Nachricht in einem online-Portal.

Die breite Öffentlichkeit hat weder in Israel noch in Europa zur Kenntnis genommen, dass am 9. August frühmorgens um 6:30 Uhr die israelische Armee ohne jegliche Vorwarnung mit Bulldozern im Dorf Umm Al-Kheir südlich von Hebron anrückte und fünf Häuser von palästinensischen Familien zerstörte. Jüdische Siedler aus dem benachbarten Carmel standen bereits mit Videokameras dort, um diesen Sieg zu feiern. Wer nicht auftauchte und sich bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht protestierend zu Wort gemeldet hat sind Vertreter der EU, deren Gelder dort in wenigen Stunden zu Staub und Schutt wurden. Drei der fünf zerstörten Häuser wurden nämlich erst kürzlich von der EU mitfinanziert, nachdem sie im April dieses Jahres bereits zerstört worden waren.

Dies ist nur eine Antwort auf die Frage, warum uns das hier in Deutschland und Europa durchaus etwas angehen sollte, wenn Israels Politik den Palästinensern das Leben zur Hölle macht. Vor etwa einem Monat beschrieb der israelische Journalist Gideon Levy das in der Tageszeitung Ha’aretz so: „Die Diskussion über die Besatzung kann nur im Ausland stattfinden. Eine derartige Debatte erfordert eine demokratische Gesellschaft, in der die Menschen wissen, was wirklich passiert. (…) Unter israelischer Herrschaft leben zwei Gesellschaften, die nicht in der Lage sind, diese Diskussion zu führen. Die Jüdische lebt in Verleugnung und Repression, sie weiß nichts und will auch nichts wissen; die Palästinensische weiß alles und hat keinerlei Rechte.
In einer solchen Situation, in der die eine Gesellschaft zwar die Macht hat, um Einfluss zu nehmen, aber die Realität leugnet, während die andere nicht nach ihrer Meinung gefragt wird, ist es unumgänglich, die Diskussion nach außen zu tragen. Nur so kann sicher gestellt werden, dass die Welt erfährt, was Besatzung bedeutet und welche Verbrechen sie mit sich bringt. Nur so können diese beendet werden.“

Gideon Levy betont, dass die Veteranen von Breaking the Silence die Pflicht hätten, die militärischen Vergehen zu melden, während Ha’aretz die Pflicht habe, darüber zu berichten – sowohl in Israel als auch überall anders. „Die Welt muss von jeder Exekution erfahren, von der Apartheid in Zusammenhang mit der Verteilung von Wasser, die zum Himmel schreit. Sie muss von den Massenverhaftungen erfahren – 4.800 Menschen wurden in Folge der aktuellen Gewaltwelle inhaftiert, darunter 1.400 Kinder und Jugendliche. Während der zweiten Intifada wurden 80.000 Palästinenser verhaftet, 24.000 Haftbefehle wurde erlassen, um Zehntausende ohne Gerichtsverfahren wegsperren zu können.“

Levy fragt weiter, wem wir es denn erzählen sollten, wenn wir nicht in der Welt darüber sprechen dürften? Den Israelis, für die jeder Palästinenser ein Terrorist sei und jeder Terrorist den Tod verdiene? Der Welt nicht erzählen, dass seit Beginn der israelischen Besatzung nahezu 1 Million Palästinenser verhaftet wurden? Nicht erzählen, dass Menschen Nacht für Nacht aus ihren Betten gerissen werden, ohne Haftbefehl und nicht selten ohne jede Begründung? „Wenn wir also nicht darüber sprechen, wer wird es dann wissen? Und wenn niemand davon weiß, wie soll das jemals enden? Weder war die Invasion in der Ukraine eine innerrussische noch die Apartheid in Südafrika eine innenpolitische Angelegenheit; deren Gegner haben die ganze Welt bereist, um von diesen Verbrechen zu berichten. Die Welt darüber aufzuklären ist die einzige Möglichkeit, die internationale Gemeinschaft mit einzubeziehen, und die ist oft der einzige Zufluchtsort.“

Gideon Levy schließt mit den Worten, alle Menschen, die in Israel ihr Schweigen brächen, täten ihre patriotische, humane und moralische Pflicht. Dieser Pflicht wollen auch wir nachkommen – um der Gerechtigkeit, der Demokratie und der Wahrheit willen.

 

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