Sternstunde der Verleumder

Juden, Judentum und die jüdische Katastrophe werden immer häufiger gegen die Linke in Stellung gebracht. Marxisten wollen mit einer Konferenz dagegenhalten

Valery Renner

Im Täterland finden eine Rechtsverschiebung der Antisemitismuskritik und Regression der Aufarbeitung der Vergangenheit statt. Diese These schickt das im Sommer 2017 gegründete marxistische »Projekt Kritische Aufklärung« (PKA) einer Tagung voraus, die am kommenden Samstag in Berlin stattfinden wird. Der Titel »Zur Zeit der Verleumder« ist einem Gedicht von Erich Fried entlehnt. »Sie nennen mich ›Jüdischer Antisemit‹«, klagte der Kommunist Anfang der 80er Jahre ihn als »roten Antisemiten« diffamierende »Sprecher des Westens« an.

Seinerzeit noch ein Randphänomen – heute in der zu neuen imperialistischen Unternehmungen aufgelegten Berliner Republik, für die Israel als enger militärischer Kooperationspartner ebenso von Nutzen ist wie als Alibilieferant für eine waffenstrotzende deutsche Staatsräson, sei »die Sternstunde der Verleumder gekommen«, so eine Sprecherin von PKA. Obwohl nahezu alle antisemitischen Delikte von Neofaschisten begangen werden (im ersten Halbjahr 2017 waren es 93 Prozent, nur einer der erfassten 681 Fälle war mutmaßlich »linksex­trem« motiviert), wollen Medien, Parteien, Stiftungen seit den 90er Jahren partout in einem »linken Antisemitismus« eine große Gefahr erkannt haben.

In Deutschland ist nichts geeigneter, um linke Fundamental­oppo­sition zu diskreditieren, als ihr die Ideologie anzuhängen, die das größte Menschheitsverbrechen flankiert hatte. Entsprechend wird der Antisemitismusbegriff gedehnt und gegen alles und jeden in Stellung gebracht, die noch der neoliberalen Agenda hinderlich sind: von Gegnern der NATO-Interventionen über die Kritik an der israelischen Besatzungspolitik bis zu den Begründern der Theorie und revolutionären Praxis der Arbeiterbewegung. Lenin habe bereits durch Feststellungen wie »›Wir hier unten, die da oben. Wir sind arm. Wir müssen arbeiten, um zu leben, und andere, die müssen gar nichts tun und kriegen das große Geld‹« mit den Nährboden für »strukturellen Antisemitismus« geschaffen, ist von dem Historiker Olaf Kistenmacher zu erfahren. So mancher will das Übel noch tiefer an dessen vermeintlichen Wurzeln packen. Micha Brumlik (ihm ist offensichtlich entgangen, dass Karl Marx in »Zur Judenfrage« nicht die real existierenden Juden gemeint, sondern die von ihm entschieden verurteilten antijüdischen Projektionen aufgespießt hat) will schon den Miturheber des Kommunistischen Manifests als »Judenfeind« zwar »nicht der Tat«, aber »der Gesinnung« dingfest gemacht wissen. Dass rechte Stimmungskanonen heute stets mit Applaus rechnen können, wenn sie wie Wolf Biermann den »Genossen Hitler« als Marx’ willigen Vollstrecker betrachten, zeigt die Richtung, in die die vergangenheitspolitische Reise weiterzugehen droht: Zur vollständigen historischen Umschuldung von rechts nach links, also von oben nach unten.

Lästig seien daher jüdische Marxisten, besonders Holocaustüberlebende oder deren Nachkommen, all denen, die Auschwitz lieber heute als morgen zum Argument für antidemokratische und kriegerische Krisenbewältigungsmodelle des als »westliche Zivilisation« idealisierten Kapitalismus benutzen wollen, kritisiert das PKA. »Denn mit ihrer radikalen Verweigerung einer ideologischen Kronzeugen- und Komplizenschaft stehen diese jüdischen Linken politisch genau für das Gegenteil, das Adorno in die Form eines ›neuen kategorischen Imperativs‹ gebracht hatte (alles ›Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole und nichts Ähnliches geschehe‹).« Ein wachsendes Problem sei, dass sich immer häufiger rechtsopportunistische Linke andienten, um diese historische Autorität zu unterminieren, so das PKA weiter. Vergangenen Sommer fand sich die Publizistin Jutta Ditfurth an der Spitze einer vom CDU-Bürgermeister in Frankfurt am Main dirigierten Hetzmeute gegen israelkritische Juden ein, um Moshe Zuckermann kurzerhand als »antizionistischen Antisemiten« zu kategorisieren.

Solche Steilvorlagen machen es den rechten Demagogen leicht, sich die Definitionsmacht über den Antisemitismusbegriff anzueignen und als Interessenvertreter ausgerechnet des Kollektivs daherzukommen, das von ihren politischen Vorfahren verfolgt worden war: »AfD schützt Juden vor antisemitischen Migranten«, machte die Höcke-Partei im Bundestagswahlkampf deutlich, dass sie keinerlei Hemmungen hat, die Opfer von damals gegen die Hassobjekte von heute auszuspielen: Muslimisch-arabische Flüchtlinge, die die AfD als »eingewanderte Antisemiten« kriminalisieren will – und nun dank der dubiosen »Antisemitismus-Resolution« des Deutschen Bundestags auch kann.

Diese Miseren will das PKA auf seiner Konferenz mit internationalen Wissenschaftlern, Künstlern, Journalisten und linken Aktivisten − darunter Moshe Zuckermann, Rolf Becker, Moshé Machover sowie der Herausgeber des Onlinemagazins Elec­tronic Intifada Ali Abunimah − analysieren und die Grundlagen emanzipativer Gegenstrategien diskutieren.

Der Rechtstrend in der westlichen Welt hat bizarre Erscheinungsformen. Linke werden als »Nazis«, jüdische Antifaschisten als »Verräter« diffamiert. (…) Die im September von der Bundesregierung angenommene groteske Antisemitismusdefinition, mit der so gut wie jede Kritik an Israel, sogar an »nicht-jüdischen Einzelpersonen und/oder deren Eigentum«, als Erscheinungsformen von Judenhass gebrandmarkt werden soll, zielt auf eine Kriminalisierung jüdischer Marxisten und anderer kapitalismuskritischer Linker. (…)

Wie konnte es so weit kommen? Bereits 1967 hatte Ulrike Meinhof einen Strategiewechsel der Rechten analysiert, der auf die Vereinnahmung der Opfer des Völkermordes an den Juden durch die Täter und deren politische Erben zielt. Von der »Menschlichkeit der Juden« wolle die von den Springer-Medien flankierte deutsche Reaktion nichts wissen. Hingegen berausche sie sich an der unerbittlichen Härte wie an den »Blitzkriegen« der israelischen Armee und zelebriere deren Einmarsch in Jerusalem als »Vorwegnahme einer Parade durchs Brandenburger Tor«, notierte Meinhof. »Hätte man die Juden, statt sie zu vergasen, mit an den Ural genommen, der Zweite Weltkrieg wäre anders ausgegangen, die Fehler der Vergangenheit wurden als solche erkannt, der Antisemitismus bereut, die Läuterung fand statt, der neue deutsche Faschismus hat aus den alten Fehlern gelernt, nicht gegen − mit den Juden führt Antikommunismus zum Sieg.«

Diese düstere Vision ist längst Realität, zumindest ist Israel zur Projektionsfläche und zum Identifikationsmodell für die rechte »bürgerliche Mitte«, Rechtspopulisten, aber auch für transatlantische Faschisten geworden. (…)

Quelle (mit freundlicher Genehmigung): junge Welt v. 07.02.2018
https://www.jungewelt.de/artikel/326799.sternstunde-der-verleumder.html

Ein Gedanke zu „Sternstunde der Verleumder

  1. Ulrike Meinhof als Kronzeugin für eine „Regression der Aufarbeitung der Vergangenheit“? Wie treffend. Zum Olympia-Massaker 1972 erklärte Meinhof, Israel hätte „seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden — Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik“. Wer Täter-Opfer-Umkehr sucht, wird bei Meinhof leicht fündig. Der Titel „Sternstunde der Verleumder“ passt dazu auch ganz hervorragend.

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