„Wer heute von Besatzung spricht, wird sofort als naiver Linker beschimpft“

David Grossman. Foto: Fronteiras do Pensmente. Creative Commons

Der bekannte israelische Schriftsteller David Grossmann hat dem Berliner Tagesspiegel am 20.06.2018 ein interessantes Interview „über politisches Engagement, Hoffnung und Zorn in seinem Land“ gegeben. Hier einige Zitate.

Zum Wort Besatzung
„Nehmen Sie nur das Wort „Besatzung“. Sehr viele Israelis wollen es nicht benutzen, sie machen einen großen Bogen um dieses Wort, obwohl es die Realität treffend beschreibt. Und das nun schon seit 51 Jahren. Sie sagen dann: Nein, das ist keine Besatzung. Wir haben uns nur das zurückgeholt, was ohnehin uns gehört. Wer heute von Besatzung spricht, wird sofort als naiver Linker beschimpft.“

„Muss Literatur in einer solchen Umgebung zwingend politisch sein?“
Nein. Wir haben in Israel ganz wunderbare Autoren, die völlig unpolitisch schreiben. Und es gibt einige, die einen politischen Ansatz haben. Jene, die sagen: Wir lassen uns von der Verzweiflung nicht niederdrücken. Wir wollen stattdessen fantasieren, uns etwas vorstellen. Der Ort dafür kann die Literatur sein. Denn die Menschen in Israel fühlen, dass sie in einer Falle feststecken – sie können sich Frieden nicht vorstellen.“

„Können Sie es?“
„Ja! Ich denke viel darüber nach. Der Frieden, den ich mir vorstelle, hat jedoch nichts mit der Hollywood-ähnlichen Vorstellung gemeinsam, dass Israelis und Palästinenser Hand in Hand Richtung Sonnenuntergang spazieren.“

„Wie sieht Ihr Frieden denn aus?“
„Er basiert auf schmerzhaften Kompromissen und kleinen Schritten. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Werkstatt, in der Palästinenser und Israelis gemeinsam Autos reparieren? Oder eine Fußballliga mit palästinensischen und israelischen Teams. Oder ein gemeinsames Orchester. Oder eine Universität, in der über die Ursachen des Konflikts geforscht wird. All das ist möglich. Wir müssen nur mutig genug sein, das anzugehen.“

„Klingt schön. Doch wer heute in Israel vom Frieden redet, hat einen schweren Stand, wird sogar massiv angefeindet. Erleben Sie das auch?“
„Ja, leider. Am 19. April war ich der Hauptredner einer alternativen Gedenkfeier für die gefallenen Soldaten und Terroropfer. Dort haben Israelis und Palästinenser gemeinsam ihrer Toten gedacht. Danach bekam ich Drohungen. Die Rechten, die Nationalisten, die Extremisten – sie werden immer aggressiv gegen uns Stimmung machen. Doch das ist für uns kein Grund zu schweigen. Wir machen weiter.“

„Es heißt, die ganze Gesellschaft sei nach rechts gerückt? Ist das auch Ihr Eindruck?“
Auf jeden Fall. Das zeigen schon die vergangenen Wahlen. Netanjahu wird immer stärker. Je mehr die Menschen verzweifeln und frustriert sind, weil es keinen Frieden gibt, desto radikaler, fundamentalistischer und nationalistischer werden sie. Wo die Hoffnung verloren geht, wächst die Aggressivität.“

„Kann ein Schriftsteller dem etwas entgegensetzen?“
Die Realität wird das tun. Irgendwann muss sich Israel entscheiden, ob es weiter ein demokratischer jüdischer Staat bleibt oder ein Apartheidsregime wird. Das meine ich in Bezug auf die besetzten Gebiete. In Israel selbst funktioniert die Demokratie bisher. Es gibt unabhängige Gerichte, Presse- und Meinungsfreiheit. Selbst ein Palästinenser könnte Ministerpräsident werden. In Ländern, die uns umgeben, sieht das ganz anders aus.“

Das vollständige Interview hier