Neuer Brief von Abed Schokry aus Gaza

Der gebürtige Palästinenser Dr. Abed Schokry lebte 17 Jahre in Deutschland und promovierte an der TU Berlin. 2007 erhielt er einen Ruf an die Universität Gaza/Palästina und kehrte mit seiner Familie in seine Heimat zurück. Seitdem lebt er dort und lehrt als Dozent Wirtschaftsingenieurwesen. „Seit Seit drei Jahren versucht er, von israelischen Behörden eine Genehmigung zu bekommen, um Gaza wieder einmal verlassen zu dürfen. In Deutschland aß er gerne Fisch; Gaza liegt zwar an der Küste, aber das Meer ist durch Abwässer verunreinigt.“ (Süddeutsche Zeitung v. 26.04.2018) Schokry berichtet unregelmäßig aus Gaza.

Gaza am 16. Juni 2018

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Freundinnen und liebe Freunde,
Im Juni 2007 kehrten wir, meine Frau, unsere zwei Töchter und ich, nach Hause zurück. Ich hatte 17 Jahre in Deutschland gelebt und meine Frau zusammen mit mir fünf Jahre. So leben wir nun 11 ganze Jahre bereits wieder in Gaza-Stadt. Das erste Jahr (Juni 2007 – Juli 2008) war kein schönes Jahr, da weder meine Frau noch ich haben Arbeit finden können. Im August 2008 ist dann eine Stelle an der Universität frei geworden, die meiner Ausbildung als Ingenieur bzw. meinem Promotionsthema entsprach. Einige Monate später hatte auch meine Frau Glück, denn sie fand als Pharmazeutin beim Gesundheitsministerium in Gaza eine Anstellung. Uns ging es gut, wir waren zufrieden und schauten hoffnungsvoll in die Zukunft.

Schon sehr bald, nach wenigen Monaten, änderte sich alles. Es begann die erste militärische Operation im Dezember 2008, die bis Januar 2009 dauerte. (Ich habe früher das Wort „Krieg“ verwendet, im nachhinein denke ich, dass es nicht richtig ist, weil die Kriterien wegen der Einseitigkeit nicht erfüllt sind. Die Palästinenser haben keine Armee.) Knapp vier Jahre blieb es ruhig, dann aber folgte die nächste militärische Operation im November 2012. Im Sommer 2014 übertrafen die Angriffe, die Bombardierungen die vorhergehenden bei weitem. Es war einfach nur schrecklich. Bekannte, Nachbarn und Verwandte wurden sofort bei den Angriffen tödlich getroffen oder wurden unter ihren Häusern oder Wohnungen verschüttet und überlebten nicht. Die, die aus den Trümmern lebend gerettet werden konnten, leben mit schweren Behinderungen.

Alles was in diesen elf Jahren seit meiner Rückkehr geschehen ist, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt, so als wäre es erst gestern passiert. Wenn die Situation wie gegenwärtig so aussichtslos zu sein scheint, bereue ich es doch manchmal heimgekehrt zu sein. Meine Frau hat mir kürzlich anvertraut, dass auch sie es schon in zwei unerträglichen Situationen bereut hat, nach Gaza zurückgekehrt zu sein. Ich habe selten darüber gesprochen, aber ich habe es schon viele Male bereut und oft hätte ich gern die Zeit zurückgestellt. Diese Gedanken gehen mir zum Glück nicht dauernd im Kopf herum. Wenn wir uns im Kreis unserer Familien geborgen fühlen und die Lebensfreude unserer Kinder wahrnehmen, die gern ihre Großeltern besuchen, dann sind wir doch froh hier in Gaza zu sein, und zwar trotz der sehr widrigen und unmenschlichen Umstände, unter denen wir unser Leben zu meistern versuchen.
Der Fastenmonat Ramadan ist vorüber, das Sommersemester ist nächste Woche zu Ende und die Sommerferien beginnen.

Ich möchte einige Überlegungen zur Situation in den vergangenen Monaten mit Ihnen und Euch teilen.
Razan Al-Najjar, der ermordete Rettungsengel
Allen Protesten, scharfen Verurteilungen und internationalen dringlichen Appellen zum Trotz, die Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten, Journalisten und Rettungskräfte einzustellen, tötet Israel am Grenzzaun zum Gazastreifen weiter. Vor wenigen Tagen erschossen israelische Scharfschützen eine 21jährige Palästinenserin, die sich freiwillig zum Rettungssanitätsdienst gemeldet hatte. Warum? Mit welchem Recht? Wie kann Israel das rechtfertigen? Kurz nachdem sie einem verletzten Mann geholfen hatte, fallen Schüsse und die 21jährige Razan al-Najjar bricht tödlich verletzt zusammen. Die Kugeln israelischer Scharfschützen hatten sie im Nacken getroffen. Mit der Erschießung der 21Jährigen tötet Israel bereits zum zweiten Mal eine medizinische Rettungskraft. Am 14.05.2018 hatten israelische Scharfschützen den Sanitäter Mousa Jabr Abu Hussein erschossen, während er Patienten versorgte. Beide Fälle, wie auch die zahlreichen Verwundungen von Rettungssanitätern, stellen eine Verletzung der Genfer Konvention dar. Hat der oder haben die Scharfschützen es nicht gesehen, dass Razan Al-Najjar einen weissen Mantel trug, dass sie unbewaffnet und klar als Sanitäterin erkennbar war und sich etwa 100 Meter vom Zaun entfernt befand. Oder sie haben das doch gesehen und ihr Befehl lautete: Tötet sie ALLE!!!

Im Zuge dessen, was da an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel geschieht, sollten Deutschland und die EU nachdenken, ob sie das Verbrechen der israelischen Regierung und der israelischen Politik weiterhin tolerieren wollen und damit in Kauf nehmen, dass unschuldige Menschen sterben. Es ist ein Kriegesverbrechen, Sanitäter und medizinisches Personal gezielt zu töten. Diese Taten müssen geahndet und bestraft werden. Wo bleibt der Aufschrei der Welt angesichts des Unrechts? Wie lange wollen die Hüter der Menschenrechte zu den israelischen Verbrechen schweigen? Es wird ja in den israelischen Medien behauptet, dass die palästinensischen Demonstranten bewaffnet seien. Wenn dem so ist, warum gib es keine einzige Videoaufnahme, die das beweist, obwohl es viele Kameraleute, auch beim israelischen Militär an der Grenze gibt?

Interessant ist doch auch, dass keinem einzigen israelischen Soldaten auch nur ein Haar gekrümmt, geschweige dass einer verletzt wurde.

Was geht in den Regierenden der Welt vor, wenn sie permanent Opfer und Täter vertauschen? Wenn israelische Soldaten skrupellos auf unbewaffnete Palästinenser schießen, 130 von ihnen töten und nahezu 13 000 zum Teil schwer und viele lebensgefährlich verletzen, wenn dann trotz dieser Tatsachen die Soldaten die Opfer und die palästinensischen Frauen, Kinder und Männer als Täter gesehen werden? Wie ist es möglich, dass die Tatsachen einfach verdreht werden? Wieso machen da alle mit? Wie kommt es, dass wir Palästinenser ganz offenbar als minderwertig im Vergleich mit den Israelis gesehen werden. Was haben wir verbrochen? Waren wir nicht still genug, als man uns das Land wegnahm? Hätten wir dieses Unrecht etwa mit Freude begrüßen sollen und schweigen? Hätten wir dankbar sein sollen, dass man uns „nur“ von unserem Land vertrieben und nicht gleich umgebracht hat?

Ich denke manchmal, dass Tieren mehr Sympathie entgegengebracht wird als uns Palästinensern. Diesen Gedanken hatte auch Gideon Levy, einer der renommiertesten israelischen Journalisten, als er am 17. Mai in der Zeitung Haaretz die rhetorische Frage aufwirft, wie die israelische Bevölkerung wohl reagiert hätte, wenn an einem Tag nicht 60 Palästinenser, sondern 60 streunende Hunde getötet worden wären. Es hätte einen Aufschrei gegeben, Tierschützer hätten gegen dieses Unrecht demonstriert. Die oft nur wenige Kilometer entfernt lebenden Palästinenser sind den allermeisten Israelis aber egal. Nein, sie sind ihnen nicht nur egal, sie haben auch eine Schublade gefunden, die ganz offiziell von der israelischen Regierung erfunden und der Welt verkauft wurde. Diese Schublade heißt „Hamas“. Und Hamas steht gleichbedeutend mit Terror. Yuvor war es die PLO. Selbstverständlich sind wir alle gegen Terror, aber „Terror“ ist zu einem Kampfbegriff geworden, mit dem jedes Unrecht gerechtfertigt werden kann. So einfach macht es sich die Welt mit den Palästinensern. Sie sind an allem Schuld, daran, dass sie ihrer Vertreibung nicht zugejubelt haben und leider den Israelis so viele Probleme machen. Sie sind selbst Schuld, weil sie nicht so gewählt haben (in freien Wahlen, wie von allen gefordert) wie man es gern gehabt hätte. Und wenn sie nicht bis zu 100 Meter(!!!) an den Zaun gelaufen und brav in ihrem Gefängnis geblieben wären, hätten sie auch die Soldaten nicht gezwungen auf sie zu schießen. Die hochgepriesene „moralischste Armee der Welt“ wurde einfach durch die bösen Palästinenser, die keine Gewehre, keine Armee, keine Panzer, keine Bomben haben, so herausgefordert und in Gefahr gebracht, dass sie leider leider 130 Palästinenser erschießen und 13 000 verletzen musste.

Bringt das Verhalten der Israelis Frieden in unsere Region, wenn sie uns Palästinenser nicht wie Menschen behandeln, wie sie selbst behandelt werden wollen? Ist es wirklich klug, sich als moralischer als andere zu sehen, sich gar als auserwählt, als etwas Besseres als alle anderen zu betrachten? Stiftet das Frieden oder nicht doch eher Hass? Bringt das Töten Frieden? Der UN Menschenrechtsrat hat beschlossen, dass eine unabhängige Untersuchungskommission die Geschehnisse im Gazastreifen seit Beginn der Proteste untersuchen soll. Die Entsendung einer solchen Kommission wurde im Mai durch eine Mehrheit von 29 zu 2 Stimmen bei 14 Enthaltungen im UN Menschenrechtsrat beschlossen, in dem kein Staat ein Vetorecht hat. Die Vereinigten Staaten hatten zuvor ihr Veto genutzt, um eine entsprechende Resolution im UN-Sicherheitsrat zu blockieren. Die israelische Regierung hat allerdings bereits angekündigt, nicht mit der Kommission kooperieren zu wollen. Wenn Israel aber nichts zu verheimlichen hat, und unschuldig ist, warum lehnt sie die Kooperation mit der Kommission von vornherein ab? Aber es ist leider nicht neu, dass Israel die Beschlüsse der UN ignoriert. Auch das lässt man Israel jedes Mal durchgehen. Andere Staaten werden dagegen sanktioniert, wenn sie sich Beschlüssen widersetzen.
Drachen steigen Wochen nach dem Beginn der Proteste in der Nähe des Zauns zu Israel, begannen die palästinensischen Jugendlichen Papier-Drachen vom Gazastreifen aus Richtung Israel zu schicken, die mit Diesel oder brennbarem Öl getränkt worden waren. Hat man kein Militär, keine Armee, keine Kriegswaffen, kommt man auf alle möglichen Ideen, die manchmal fast hilflos wirken aber manchmal auch wirken. Die Drachen sehen wie ein Spielzeug aus. Tatsächlich ist das Drachen-Steigen an der Küste des Gazastreifens ein beliebtes Spiel. Jetzt haben diese speziell präparierten Drachen aber eine Zeitlang der hochgerüsteten Abwehr der israelischen Armee von Panzern über Kampfflugzeugen bis zu Raketenabwehrsystemen getrotzt. Einem Reuter-Reporter erzählte ein junger Palästinenser, der mit anderen solche Drachen vorbereitete, dass das spontan begonnen habe.

Um ehrlich zu sein bin ich in Bezug auf diese „Waffen“ gespalten, denn einerseits bin ich gegen den Einsatz von Gewalt, aber gleichzeitig hoffe ich und hoffen wir in Gaza, dass durch spektakuläre Aktionen wie diese die Weltgemeinschaft unsere Probleme überhaupt wahrnimmt. Aber ob das wirklich funktioniert, da bin ich mir nicht sicher. Denn die Drachen werden mit propagandistischem Erfolg gleich als „Drachengewalt“ gegen die armen und schutzlosen Israelis gesehen. Tun wir nichts, geraten wir völlig in Vergessenheit. Niemand interessiert sich für unser Elend seit fast 12 Jahren, wenn wir immer brav und ruhig bleiben. Aber wie ich bereits geschrieben habe, läuft die Propagandamaschine immer gegen uns und wir stehen letztlich als die Schuldigen da, wenn wir versuchen uns zu wehren.

Leben im Gefängnis und leben in Gaza
Sehr oft habe ich (und auch andere) das Leben in Gaza mit dem in einem Freiluftgefängnis verglichen. Dieser Verglich ist falsch. Hier ist die Begrüundung aus meiner Perspektive:

Leben im Gefängnis in einem demokratischen Land mit funktionierendem Rechtsstaatssystem
Leben in Gaza
– Es gab eine Anklage, einen Anwalt.
– Man sitzt im Gefängnis, weil man eine Straftat beganngen hat.
– Man hat das Recht auf Besuch.
– Arbeit ist teilweise möglich.
– Essen und Trinken ist gesichert.
– Man ist sicher, es besteht keine Gefahr erschossen zu werden.
– Recht auf medizinische Versorgung.
– Nach Ende der Strafzeit, wird man entlassen.
– Es gab weder eine Anklage noch gab es einen Anwalt.
– Besuch nicht erlaubt.
– Arbeiten ist kaum möglich.
– Man muss zusehen, wie man das Essen bekommt.
– Es besteht die Gefahr, dass man erschossen wird.
– Es gibt kein Recht auf medizinische Versorgung.
– Ein Ende ist NICHT in Sicht.

Meine verletzten Verwandten und Nachbarn
Ich habe Ihnen und Euch davon berichtet, dass Verwandte und Nachbarn von mir bei den Protesten erschossen und manche verletzt wurden. Einer der Verletzten konnte zwar aus dem Krankenhaus entlassen werden, aber er benötigt noch weitere medizinische Behandlung. Der Andere hingegen liegt immer noch im Krankenhaus und es besteht die Gefahr, dass er querschnittsgelähmt bleiben wird, falls er seine Verletzung überlebt. Der Nachbarjunge ist zwar aus dem Krankenhaus entlassen, aber ihm wird sehr wahrscheinlich sein Unterschenkel amputiert. Das ist schrecklich für einen jungen Mann der noch nicht einmal 20 Jahre alt ist. Alle drei sind zwischen 17 und 20 Jahren alt. Die Zukunft dieser drei Jugendlichen ist so hoffnungslos, dass man schreien möchte. Es sind so viele verletzt, so vielen geht es ganz ähnlich.
Was es auch noch gibt Es ist kaum zu glauben, aber doch wahr, am 12. Juni hat es am Vormittag stark geregnet. Das ist in Deutschland natürlich nichts Ungewöhnliches. In Gaza aber hat es im Jahr 1992 das letzte Mal im Juni geregnet. Bei all der dauernden Anspannung und bei all der nötigen Bewältigung des schwierigen Alltags in Gaza, vergisst man manchmal, dass es noch die Natur gibt. Allerdings ist die Natur auch gefährdet. Sie wissen es. Die Klimaveränderung mag in Zukunft noch zu weiteren Fluchtbewegungen führen.

Lassen Sie, lasst mich zum Schluss noch einen Gedanken formulieren. Ich glaube, dass viele Menschen vergessen, dass sie sich den Ort, die Region, das Land ihrer Geburt nicht ausgesucht haben. Es ist nicht das Verdienst der Menschen, die in einem sicheren und wohlhabenden Land auf die Welt gekommen sind. Und es ist nicht die Schuld derer, die in einer Region auf die Welt gekommen sind, in der Krieg und Armut herrschen. Vielleicht sollte man darüber manchmal nachdenken, wenn man Grenzen schließen und Zäune bauen will und schon gebaut hat.

Die Grenze zwischen dem Gazastreifen und Ägypten ist seit Mitte Mai dauerhaft geöffnet (täglich) und sie soll nach Medienberichten noch weitere zwei- drei Monate geöffnet gehalten werden. So hoffe ich, doch eventuell für mindestens einen Monat nach Deutschland zu kommen zu können. Das ist aber nicht sicher, denn bis heute konnte ich keinen Antrag zur Erteilung des Visums stellen. Die deutsche Vertretung nimmt keine Anträge von uns als Palästinenser entgegen. Das ist neu. Ich weiß nicht, was dahintersteckt. Sie wissen vielleicht mehr.

In der Hoffnung, Ihnen und Euch doch bald erfreulichere Meldung mitteilen zu können verbleibe ich für heute
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Abed Schokry

Das Nahost-Forum Bremen berichtete:

10.04.2018
„Mit welchem Recht geschieht mir und uns das alles?“
http://nahost-forum-bremen.de/?p=7597

19.07.2017
Hilferuf aus Gaza
http://nahost-forum-bremen.de/?p=5288

09.03.2017
Gaza – von der Welt vergessen, aber nicht von uns
http://nahost-forum-bremen.de/?p=4514