Corona in den besetzten Gebieten – aus einem Brief von Clemens Messerschmid

Marlies Hundt hatte ganz spontan eine kurze mail an den hier in Bremen aus zwei Veranstaltungen gut bekannten Clemens Messerschmid geschrieben. „In diesen Zeiten  hört man leider nichts zu der Lage in Palästina und Gaza in Sachen Corona etc. Hast Du vielleicht nähere Informationen? Ich ärgere mich sehr über unsere Presse. Die Informationen werden immer einseitiger (nicht nur den Nahen Osten betreffend). Ich hoffe sehr, dass Du gesund und munter durch das weitere Leben kommst. Vielleicht hast Du Lust, mal eine kurze Einschätzung zu machen?“ Hier seine Antwort, die – schnell und hastig und assoziativ geschrieben – vielleicht einen ganz guten Einblick in die Verhältnisse in Palästina und den besetzten Gebieten verschafft. Clemens hatte nichts dagegen, den Brief hier öffentlich zu machen. 

Liebe Marlis, danke für deinen netten Brief, schön von dir zu hören! Wie es z.Zt. in den besetzten Gebieten aussieht, v.a. wie es sich anfühlt, kann ich dir leider nicht sagen. Ich sitze ja vorerst draussen in Hannover.

In den A-Zonen wurde vielerorts ein Ausgangssperre verfügt, wie du wohl schon gehört hast. Wobei man dort besser (wie auch hier) von einer Empfehlung auf Beschränkung der Aussenmobilität sprechen sollte. Die Palästinenser sind ja geübt darin. Aber mt einem Curfew (Ausgangssperre) israelischer Art, wie damals 2002, hat das ja nichts zu tun. Du wirst ja heute nicht von auf den Dächern postierten Scharfschützen angeschossen, wenn du über die Strasse huschst, um dir ein Päckchen Zigaretten zu holen – so geschehen im April 2002 meinem Freund Mazen – oder wenn du nach/während einer gewaltsamen Militärrazzia im Männerwohnheim draussen vor der Tür stehst und eine rauchst – so geschehen mit meinen Nachbarn links neben meinem Haus, zwei junge Männer angeschossen, einer davon tot – oder wenn du einfach im Morgenmantel in deinen Garten trittst – so geschehen meiner Nachbarin, einer alten Familienmutter links hinter meinem Haus (zwei Häuser weiter). Vor allem durften während dieser Curfews ja auch keine Ambulanzen fahren! Deswegen Mazen ist fast verblutet. Er hat es zum Glück überlebt, weil er das unwahrscheinliche Glück hatte, ausgeflogen und in einem österreichischen Spittal monatelang behandelt und gesund gepflegt zu werden. Deswegen schrieb ja auch Gideo Levy gerade – von solchen „Härten“ wie jetzt unter Corona in Israel könnten Palästinenser nur träumen.

Israel hat als erstes, reflexartig (konditionierter Militärreflex) die Gebiete abgeriegelt. Übrigens seuchentechnisch unsinnig, da diese Closure ja nur partiell, rassenmäßig getrennt, für Nicht-Siedler galt und gilt. (In den Settlements arbeiten übrigens noch Palis! soviel zur epidemiologischen Logik) Das ist in der West Bank umnglaublich hart, vor allem in den B-Zonen und bestimmten Gegenden, wo ein Großteil der jungen bis mittelalten Leute auf die eine oder andere Art von (oft illegaler) Arbeit lebt. Da kannst du dir ausdenken, was das heisst und dass diese Leute keine Kompensation, keine Lohnfortzahlung und kein Kurzarbeitergeld bekommen werden. Es geht also ökonomisch mal wieder ans Eingemachte, und in weiten Teilen der West Bank stelle ich mir vor, dass genau dies die Menschen mehr als alles andere beschäftigt und sorgt, vor allen Dingen die Arbeiterklasse.

Ganz, ganz anders stellt sich das für gutbezahlte Kleinbürger, Akademiker in meiner Ramallah-Bubble an, die in NGOs und Ministerien oder gleich bei ausländischen Donors angestellt sind. Wobei man sich klar sein muß, dass diese Donor-Organisationen aber auch sehr rasch anfangen werden, ganz eiskalt diese besonders Bedürftigen auf die Strasse zu setzen. Die hochbestochenen ausländischen Chefs werden derweil selbstverständlich weiter ihre 8000 Euro Netto einstecken, plus wahrscheinlich Gefahren- und alle möglichen Härtezulagen!…

All das werden wir in stark, stark abgeschwächter Form auch in Deutschland haben. In den USA bekanntlich noch viel mehr. Aber das ist leider ein wenig bekanntes Charakteristikum, dass sich in der West Bank dank Oslo und westlicher Geberhilfe, ein geradezu atemberaubend unregulierter Wildwestkapitalismus entwickelt. Das einzige an Regulierung sind oft nur die militär-administrativen Gewaltmassnahmen Bet Els und des Central Commands Israels. Was für ein Unterschied zu China! Denn dort war und ist natürlich jede Arbeitsstelle garantiert und sicher und vollbezahlt. Etwas anderes wäre für den einfachen chinesischen Arbeiter im Traum auch nicht vorstellbar! (Interessanterweise sind es gerade die ausländischen Megakonzerne wie VW, die darüber klagen, dass sie in China nicht einfach entlassen dürfen – böse chinesische Regierung!)

Interessanterweise, und das gibt mir ironischerweise etwas Hoffnung, klagen die israelischen Kapitalisten (v.a. Bauwirtschaft) bereits heftig über ihren Mangel an Arbeitskräften aus den Gebieten. Denn das erste, was Bibi tat, war die Checkpoints zu schließen (bzw. eben nur für Nicht-Siedler). Das ist auch seuchentechnisch absolut richtig, bzw. wäre es, wenn man den Rest ausblenden könnte. Massen, die sich jeden Morgen zu tausenden stundenlang drängen und quetschen, würden eine weltweit einmalige Übertragunsgkette bilden (wohl nur vergleichbar mit indischen Pendlerzügen – Gnade Gott Indien, über das noch keiner spricht, noch!) Also, die langen Schlangen an Checkpoints sind tatsächlich buchstäblich tödlich.

Aber die andere Alternative wäre ja ganz einfach und selbstverständlich, wenn man nur annähernd in demokratischen Kategorien denken würde (was die Militärdiktatur Israel aber nicht kann). Man muss nur einfach eine Zeitlang so verfahren wie bei uns in den Zügen: einfach aufhören zu kontrollieren, einfach Checkpoints aufmachen. Selbst in Deutschland wurde ja zeitweilig aufgehört, das Allerheiligste, nämlich Fahrkarten, zu kontrollieren. Mein Mitbewohner Rami hat’s gut. Er arbeitet in ner reichen NGO. Hatte bislang drei tage home office. Er pendelt normalerweise jedes Wochenende zu seiner Mutter nach Jerusalem (Abu Dis, hinter der Mauer). Genau das kann er jetzt nicht mehr, denn der public transport im Service ist für 2 – 2,5 Stunden zusammengequetscht.

Gaza ist natürlich ganz anders – völlig anders. Du weisst, ich argumentiere ja so schon lange, man soll endlich aufhören, Gaza wie ein besonders dicht bevölkertes Land zu behandeln und statt dessen wir eine hundsgewöhnlich dicht bevölkerte Stadt (nur eben unter hermetischer Abriegelung). Immer wen ich an Gaza denke, so jetzt epidemiologisch, dann denke ich einfach an Slums. (Auch v.a. die Slums der Welt sind ja die absoluten Katastrophengebiete unter Corona – nur berichtet darüber unsere autistische Presse rein gar nichts). Wie bei Slums ist das einzige, das wirklich einzig Positive das sehr geringe Durchschnittsalter (die Hälfte Jugendliche und Kinder). Ansonsten, nackte Katastrophe. Selbst in israel denkt man rein seuchentechnisch schon über Lockerungen nach!! (Vergessen wir nicht, Teddy Kollek baute 1976 nur deshalb in Ost-Jerusalem eine Kanalisation, weil es erste Cholerafälle gab und er Angst vor genau einer Sache hatte: Ausbreitung nach Westjerusalem auf Juden!!)

Du siehst: alles ein wilder Mix aus Kapitalismus, Besatzung, etc. Eines noch zur West Bank. Dinge die bei uns staatlich diskutiert werden, wie Stundung von Mieten etc. werden in der West Bank höchstwahrscheinlich ganz direkt, ganz unbürokratisch von den Gemeinschaften selbst, von den einzelnen Leuten durchgeführt. Viele viele Vermieter werden einfach auf einige Monate Mieteinnahmen verzichten, erwarte ich wenigstens, hoffe ich wenigstens… Ähnlich bei Privat- und Geschäftsschulden von kleinen Gratlern (Gemüselädchen). Könnte auch gut sein – ich habe das gerüchteweise gehört, not confirmed – dass da auch schon die Sulta eingesprungen wäre und Stundung auferlegt hat (aber wie gesagt, wahrscheinlich machen das ganz viele Menschen informell ganz von selbst…) soweit so schlecht.

Tut mir leid, dass ich nur mit Gedanken und Spekulationen aufwarten kann. ich fühle mich hier so abgeschnitten…alles Gute und liebe Grüße an alle Bremer.
Ciao, Clemens