Das Jüdische Museum in Berlin, der israelische Botschafter und die Meinungsfreiheit

Foto: Manfred Brückels, Wikimedia Commons

Das Jüdische Museum in Berlin, bekannt durch seine spektakuläre Libeskind-Architektur, legt großen Wert darauf, eine moderne, weltoffene und der pluralistisch-wissenschaftlichen Diskussion verpflichtete Institution zu sein. Das Museum wird zu 75 Prozent vom deutschen Staat finanziert und ist organisiert als eine „bundesunmittelbare Stiftung“, die wiederum „eine eigenständige juristische Person des öffentlichen Rechts und Bestandteil der mittelbaren Staatsverwaltung des Bundes“ ist.

Nach Meinung des israelischen Botschafters Jeremy Issacharoff müssen die Grenzen für Wissenschaftlichkeit und Meinungsfreiheit in allen Fällen, die Israel betreffen, erheblich enger als sonst üblich gezogen werden. Wie eng – das musste jetzt die Museumleitung erfahren, die einen Vortrag des palästinensischen Friedensforschers und Nahost-Experten Sa’ed Atshan per e-mail („Wegen technischer Probleme im Rahmen der Umbaumaßnahmen“) absagte und alle Ankündigungen dazu im Web- und Facebook-Auftritt des Museums löschte.

Der Vortrag sollte am 4. Juli 2018 um 19 Uhr im Großen Saal des Jüdischen Museums stattfinden und war folgendermaßen angekündigt (jetzt noch nachzulesen u.a. bei www.sozkult.de):

Being Queer and Palestinian in East-Jerusalem. Vortrag von Sa’ed Atshan im Begleitprogramm zur Ausstellung „Welcome to Jerusalem“

Nach internationalem Recht ist Jerusalem in West- und Ost-Jerusalem geteilt. Die Mehrheit der palästinensischen Einwohnerinnen, etwa 314.000 Menschen, lebt im Ostteil der Stadt, unter israelischer Kontrolle, ohne Zugang zu der Palästinensischen Behörde in der Westbank. Der Friedensforscher Sa’ed Atshan beschreibt den Sonderstatus Ost-Jerusalems, der seine Bewohnerinnen eigene Wege des sozialen und kulturellen Lebens entwickeln lässt. Gleichzeitig gibt er ethnografische Einblicke in das Leben queerer Palästinenser*innen und betont die Heterogenität ihrer Stimmen und Erfahrungen in dieser Region.

Sa‘ed Atshan ist Friedensforscher, palästinensischer Christ und LGBT-Aktivist. Geboren 1984, wuchs er in der Westbank auf und besuchte die Ramallah Friends School, eine christliche Quäker-Schule. Heute ist er Professor of Peace and Conflict Studies am Swarthmore College (USA).

Professor Atshan hielt während seines Berlin-Besuchs – ohne weitere Beanstandungen – Vorträge an der Humboldt- und an der Freien Universität. Sein Vortrag konnte schließlich in den Räumen des ICI Institute for Cultural Inquiry stattfinden.

Atshan ist ein offen schwul lebender christlicher Palästinenser, der als bekennender Quäker „nicht zu Gewalt aufruft gegen Israel, sondern die Notwendigkeit gewaltlosen Protestes betont. Atshan spricht sich explizit für die Bekämpfung des Antisemitismus aus, fordert absolute Gewaltfreiheit und plädiert für Dialog. (so die Süddeutsche Zeitung). Die deutsch-israelische Archäologin Katharina Galor, die seinen Vortrag im ICI-Institute moderierte, arbeitet mit Atshan zur Zeit an einem Buch über den Alltag jüdischer Israelis und Palästinenser in Berlin. Atshan sei einer der erfahrendsten Wissenschaftler in den USA. (…) Fünf renommierte Universitäten hätten sich um ihn bemüht, darunter auch Harvard.

Die Begründung für die Absage („technische Probleme“) war, wie die Süddeutsche Zeitung (v. 15.07.2018) schnell herausfand, eine Lüge. Ihre Recherchen haben folgendes ergeben: „Der Botschafter Israels, Jeremy Issacharoff, hatte dem Direktor des Jüdischen Museums schriftlich mitgeteilt, dass er einen Auftritt Atshans im von öffentlichen Steuergeldern geförderten Museum für untragbar halte. Der SZ bestätigte der Botschafter, dass er wegen Atshan das Museum kontaktiert hat. Er begrüße die Entscheidung des Museums, Atshans Veranstaltung abgesagt zu haben. Dieser sei, so Issacharoff, ’sehr eng verquickt mit der BDS-Bewegung‘. Er kenne Atshan zwar nicht persönlich, ‚aber er ist kein Mensch, der Brücken der Verständigung mit Israel bauen möchte‘. Atshan habe Israel in der Vergangenheit als Apartheid-Staat bezeichnet und behauptet, Israel habe eine palästinensische Gesellschaft kreiert, in der ‚Ehrenmorde‘ an der Tagesordnung seien und Homosexuelle getötet würden.“

„Hätte die Botschaft sich ein bisschen mehr Mühe gegeben,“ so die Süddeutsche Zeitung weiter, „hätte sie in zahlreichen Vorträgen Atshans, die frei zugänglich im Internet zu finden sind, einen sehr ausgewogen argumentierenden palästinensischen Quäker kennenlernen können, der nicht zu Gewalt aufruft gegen Israel, sondern die Notwendigkeit gewaltlosen Protestes betont.“

Entsprechend habe er in seinem Vortrag am ICI-Institute weder BDS erwähnt, noch zur Gewalt gegenüber Israel auf gerufen. Er habe lediglich über schwules Leben in einer patriarchalish geprägten palästinensischen Gesellschaft geredet, die unter Besatzung lebt. Zudem spreche doch, so die Süddeutsche Zeitung weiter, allein die Tatsache, dass Atshan in einem Jüdischen Museum sprechen wollte, für seine Dialogbereitschaft.
Sönke Hundt