„Ich werde nicht hassen“ – ein bewegendes Theaterstück im Gemeindezentrum Zion

Am 16. Januar 2009 verlor der Arzt Izzeldin Abuelaish drei seiner Töchter und eine Nichte, als zwei israelische Panzergranaten in sein Haus in Gaza einschlugen. Sein Bruder und eine weitere Tochter wurden schwer verletzt. Der Arzt erlangte traurige Berühmtheit, weil es ihm wegen seiner guten Verbindungen nach Israel noch während des Angriffs gelang, seinen Freund, den Fernsehjournalisten Shlomi Eldar mitten in einer Interviewsendung (auf Channel 10) anzurufen und von ihm life zugeschaltet zu werden. So konnten die israelischen Zuschauer und Zuschauerinnen seine Anklagen und Hilferufe miterleben. „Sie haben mein Haus bombardiert. Sie haben meine Töchter getötet. Was haben wir getan?“

Izzeldin Abuelaish hat eine große Karriere als Arzt gemacht. Er schaffte es als erstes Flüchtlingskind aus Gaza, Medizin zu studieren, arbeitete als Spezialist an einem israelischen Krankenhaus und erhielt sogar ein Stipendium an die Harvard-University. Seine einst wohlhabende Familie war nach der Gründung des Staates Israel 1948 aus ihrem Dorf nahe der heutigen Grenzstadt Sderot vertrieben worden und hatte sich nach Gaza geflüchtet. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 wurde die Situation für die Palästinenser in Gaza unter den Bedingungen der Besatzung immer schlimmer. Abuelaish musste als 15-jähriger mit ansehen, wie das Haus, in dem seine Familie wohnte, von Bulldozern niedergewalzt wurde. Während sein Bruder sich der Fatah von Jassir Arafat anschloss, gelang es dem jungen Abuelaish, in Kairo und später in London Medizin zu studieren und noch ein Masterstudium an der Harvard University in den USA anzuschließen.

Nach dem Tod seiner Töchter erhielt er eine Stelle an der University of Toronto und wanderte mit seinen Kindern nach Kanada aus. Zum Gedenken an seine Töchter rief er die “Daughters for Life Foundation“ ins Leben. Außerdem schrieb er das Buch I SHALL NOT HATE, das in den USA und Kanada zum Bestseller und in 12 Sprachen übersetzt wurde. „Ich werde nicht hassen, das habe ich meinen toten Töchtern versprochen“, sagt der Arzt heute. „Und dieses Versprechen werde ich nie brechen. Aber die israelische Regierung muss endlich die Besatzung beenden, damit die Palästinenser frei leben können. Und auch die Israelis wären dann davon befreit, Besatzer und Unterdrücker zu sein. Wir wollen, dass auch sie frei von Angst leben und nicht mehr nur zu militärischen Mitteln greifen.“

2010, 2011 und 2013 wurde Dr. Izzeldin Abuelaish für den Friedensnobelpreis nominiert.

Das Buch „Du sollst nicht hassen“ ist inzwischen von Silvia Armbruster und Ernst Konarek als Monolog für die Bühne dramatisiert und in verschiedenen Inszenierungen (unter anderem in Münster, Stuttgart, Hamburg, Köln, Bonn-Bad Godesberg, Nürnberg, Solingen und Braunschweig) aufgeführt worden. Verschiedenen Organisationen in Bremen (Deutsch-Palästinensische Gesellschaft, AK Nahost, Bremer Friedensforum, Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung BIZ, Kairos Palästina Solidaritätsnetz Gruppe Bremen, Stiftung „Die Schwelle“) war es gelungen, das berühmte Theaterstück am 17. November 2018 auch nach Bremen zu holen.

Es wurde ein bewegender Abend im Theatersaal des Gemeindezentrums Zion. Dem Schauspieler Michael Morgenstern gelang es, in die Rolle des Arztes zu schlüpfen und mit Hilfe von minimalen Film-, Beleuchtungs- und Geräuscheffekten dessen Geschichte, die seiner Famlie, die Vertreibung, das immer schwieriger und bedrohlicher werdende Leben und Überleben im abgeriegelten Gaza, die laufenden Demütigungen an den Checkpoints und schließlich die Bombardierung seines Hauses und den Tod seiner Töchter lebendig werden zu lassen. Die Lebensumstände in Gaza – unter der Verantwortung der israelischen Besatzung – sind eigentlich nicht fassbar, sie überschreiten die Grenzen des Vorstellbaren. Michael Morgenstern gelang es trotzdem durch sein unglaublich intensives und virtuoses Spiel, an diesem Abend einiges von der zivilisatorischen Katastrophe, die gerade jetzt wieder in Gaza sich abspielt, spürbar werden zu lassen.
Sönke Hundt