Siedlerkolonialismus

Der Vortragssaal im Überseemuseum, den die Organisatoren der Nakba-Ausstellung dank der guten Kooperation mit dem Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung (BIZ) nutzen konnten, war , wie schon die Eröffnungsveranstaltung der Nakba-Ausstellung, bis auf den letzten Platz und darüber hinaus gefüllt. Am 1. März 2015 referierte der israelische Historiker Prof. Ilan Pappe über „Die Vertreibung der Palästinenser“. Ilan Pappe gehört zu der Gruppe der neuen israelischen Historiker, die die Geschichte der Entstehung des Staates Israel, so, wie sie bisher erzählt worden ist, nachhaltig korrigiert haben. Vor allem sein Buch „Die ethnische Säuberung Palästinas“ von 2006 (es war in der deutschen Übersetzung lange vergriffen, ist seit dem letzten Jahr wieder zu erhalten), das bisher unbekannte Quellen aus bisher nicht zugänglichen Archiven des Staates Israel und der IDF nutzen konnte, zerstörte ebenso wirksam wie nachhaltig einige der zentralen Mythen und Legenden über die Staatsgründung. Vor allem die Nakba, also die planmäßige und gewaltsame Vertreibung der Palästinenser, wurde ins Licht der historischen Wahrheit gerückt. Das Buch brachte dem Autor, der an der Universität in Haifa lehrte, schließlich so großen Ärger in Israel ein, dass er sich gezwungen sah, das Land zu verlassen und eine neue akademische Karriere in Großbritannien zu beginnen. Er lehrt und forscht heute an der Universität in Exeter.

Nach einer kurzen Einführung durch Arn Strohmneyer wurde Ilan Pappe mit viel Beifall begrüßt. Er referierte völlig frei und immer überaus freundlich und verbindlich in einem sehr gut verständlichen Englisch, das kompetent von dem Übersetzer-Tandem Doris Flack und Claus Walischewski übersetzt wurde. Die zentrale These von Ilan Pappe lautet: das zionistische Projekt für den Staat Israel ist im Kern das Projekt eines Siedlerkolonialismus, das voll und ganz in der Tradition der Kolonialstaaten in Nord- und Südamerika, in Australien, Afrika und Neuseeland stehe. Die weißen Siedler, die Europa aus verschiedenen Gründen verließen bzw. verlassen mussten, versuchten alle, sich in dem Land, das sie besiedeln wollten, als Nation neu zu begründen. Das allen gemeinsame Problem wären die Menschen gewesen, die schon vor ihnen dort lebten. Und die einzige Methode der Lösung, die sie gesehen hätten, wäre die weitgehende Ausrottung (genocide) der indigenen Bevölkerung gewesen. In jedem Land hätte der Kolonialismus einen anderen Verlauf genommen. Und in drei Fällen wären andere Lösungen als der Völkermord gefunden worden: in Algerien mussten die Siedler nach Frankreich zurückkehren, in Südafrika wäre ein Apartheid-Staat errichtet worden und in Palästina hätte Israel begonnen, die ursprüngliche Bevölkerung aus dem beanspruchten Gebiet zu vertreiben.

Das zionistische Projekt, so Pappe, ist historisch gesehen lange nach dem Ende des kolonialistischen Zeitalters im 20. Jahrhundert begonnen worden und bekanntlich noch nicht abgeschlossen. Es haftet ihm deshalb ein entscheidender Legitimationsmangel an. Denn nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges hat sich die Völkergemeinschaft in den Vereinten Nationen eine neue Basis des friedlichen Zusammenlebens – auf der Basis universell geltender Menschenrechte und des Völkerrechts – gegeben, in der ein irgendwie gearteter Kolonialismus keinen Platz mehr hat. In diesem Widerspruch steckt das Staatsverständnis Israels: es beansprucht, ein demokratischer Staat („die einzige Demokratie im Nahen Osten“) zu sein und behandelt doch einen großen Teil seiner Einwohner als Bürger zweiter Klasse.

Wenn heute in vielen Gruppen über einen möglichen Rahmen für einen möglichen Frieden im Nahen Osten nachgedacht würde, müssten, so Ilan Pappe, diese historischen Tatsachen der Gründung des Staates Israel unbedingt berücksichtigt werden. Wie in der Medizin wäre ohne eine richtige Diagnose keine richtige Therapie möglich. Die Krankheit aber ist der Siedlerkolonialismus. Er würde nicht von allein enden, weil es keinen Impuls, keine Motivation und kein historisches Beispiel dafür gäbe, dass Siedler, die in einem Land lebten, das anderen gehört, ihr Projekt wieder beenden würden. Deshalb geschehe es nicht aus Versehen, dass die Westbank und der Gazastreifen besetzt worden wären. Sondern umgekehrt. Die zionistischen Führer hätten auf die Gelegenheit seit 1948 gewartet und der Sechs-Tage-Krieg 1967 wäre diese Gelegenheit gewesen. Die allgemeine zionistische Überzeugung wäre gewesen, dass Israel als jüdischer Staat nur existieren könne, wenn der Jordan im Osten die Grenze bilden würde und das ganze historische Palästina dem Staat Israel einverleibt werden könne.

Man merkte an den Reaktionen, dass für viele im Publikum diese harten Thesen über den Staat Israel äußerst ungewohnt waren. Dabei wurden sie von dem Referenten mit einer geradezu entwaffnenden Freundlichkeit und Verbindlichkeit vorgetragen. Die anschließende lange Diskussion (sie dauerte fast eine Stunde) war äußerst lebhaft und kontrovers. Fast alle strittigen Fragen (Zwei-Staaten-Lösung, Ein-Staat-Lösung, der Holocaust, die besondere Verpflichtung und Schuld der Deutschen, der Antisemitismus und der Antizionismus, Israel und die Vereinten Nationen, die Verhältnisse innerhalb der palästinensischen Gruppierungen, der letzte Gaza-Krieg usw.) wurden zur Sprache gebracht. Zum Schluss wurde Ilan Pappe gefragt, wie denn seine roadmap für einen Frieden in Israel aussehen würde. Seine Antwort: das Wort „roadmap“ liebe er nicht, aber er hätte eine Vision anzubieten. Israel müsste und könnte ein multiethnischer, multikultureller und demokratischer Staat werden. Dahin wäre aber ein weiter Weg zurückzulegen mit einigen fundamentalen Veränderungen im israelischen Staatsverständis. Vor allem würde das den Abschied von der zionistischen Ideologie bedeuten.

Es gab wohl auch einige unter den Zuhörerinnen und Zuhörern, die zu den bedingten oder auch unbedingten Freunden Israels mitsamt seiner jetzigen Regierung gerechnet werden konnten. Ihre Unzufriedenheit und Nichtübereinstimmung mit den Thesen von Ilan Pappe merkte derjenige, der mit der Diskussion und dem politischen Vokabular in dieser Debatte nur etwas vertraut war, schon an der Art der Fragestellung. Aber und durch und durch erfreulich und hoffnungsvoll für die Debattenkultur: alle Fragen wurden ruhig und sachlich gestellt – und alle Fragen wurden freundlich und bestimmt beantwortet. Das von vielen bei diesem heiklen Thema gefürchtete Hickhack und das Abgleiten in hochemotionale Auseinandersetzungen blieben an diesem Abend völlig aus.

Was ist sonst noch in diesem natürlich viel zu kurzem Bericht über einen großartigen Diskussionsabend anzumerken? Detlef Griesche von der vorbereitenden Nakba-Gruppe hatte die nicht leichte Aufgabe der Diskussionsleitung übernommen; der Umsatz an den Büchertischen war groß; die Spendendose zur Deckung der nicht unerheblichen Kosten wurde zur Genugtuung der Veranstalter gut bis sehr gut gefüllt; oben im Restaurant des Überseemuseums wurde die Diskussion noch geraume Zeit fortgeführt. Bleibt zu hoffen, dass die kommenden Veranstaltungen (am 4. März die Podiumsdiskussion im Wallsaal der Zentralbibliothek, 9. März das Konzert und die Lesung ebenfalls im Wallsaal, am 11. März die „Weltmusik für den Frieden“ im Sendesaal und am 17. März die Veranstaltung mit Jeff Halper, dem Chef des israelischen Komittees gegen Hauszerstörungen) ebenfalls ein solcher Erfolg werden.
Sönke Hundt

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