Atef Abu Saif zur Lesung im Bremer Überseemuseum

von rechts nach links: Atef Abu Saif, Claus Walischewski, Doris Flack, Detlef Griesche

Am 7. Juli 2014 begann der bisher letzte der vielen Angriffe der israelischen Armee auf den Gazastreifen. Inmitten aller Pressestimmen zum Geschehen tauchten in den führenden Zeitungen der Welt Tagebuchtexte auf. Ihr Autor: Atef Abu Saif, ein in der arabischen Welt bekannter Romancier. Er hielt fest, was um ihn herum geschah. Wie er mit seiner Frau den Alltag bewältigte. Wie er seinen Kindern zu erklären versuchte, warum sie nicht mehr auf die Straße dürfen. Wie er mit der Angst kämpfte, wenn vor dem Fenster die Drohne sirrte.

In 51 Tagebucheinträgen, vom ersten bis zum letzten Tag des Krieges, erzählt Atef Abu Saif das Unvorstellbare.

256 Seiten, ISBN 978-3-293-00492-4, € 19.95, Unionsverlag

Abu Saif hat mit diesen Geschichten aus den 51 Tagen, die der letzte Gaza-Krieg dauerte, einen großen internationalen Erfolg gelandet. „Frühstück mit der Drohne“ heißt sein Buch; und er schildert darin völlig unpathetisch und ganz präzise, mit all den scheinbar so unwichtigen Einzelheiten, wie er, seine Frau und seine fünf Kinder alles tun, um zu überleben. Er erzählt von den Straßen, den Märkten, vom Hunger und von den Schwierigkeiten, bei den vielen Stromsperren Vorräte in den Kühlschränken zu lagern, vom gemeinsamen Fernsehen, wenn die Spiele der Fußballweltmeisterschaft aus Brasilien übertragen werden, vom Shisha-Rauchen in den Cafes, von den vielen Fluchten und Umzügen aus den zerstörten Häusern und Wohnungen… Und von den Bombardierungen und Raketenangriffen durch israelische Kriegsschiffe, F16-Kampfjets, Drohnen und Panzern.

Am 10. Mai 2016 kam Atef Abu Saif ins Überseemuseum und erzählte von seinen Erlebnissen und von seinen Versuchen, sie zu Papier zu bringen. Doris Flack und Claus Walischewski wechselten sich ab bei der Übersetzung. Auch arabisch wurde an dem Abend gesprochen, als der Autor einen kleinen Abschnitt seines Buches in der Originalsprache vorlas.

  • Das Funkhaus Europa hat schon am 10.05.2016 ein ausführliches Interview mit Zozan Mönch gesendet. Die audio-Datei mit freundlicher Genehmigung des Senders hier:

 

Niemand wird an dem Abend vergessen, wie Abu Saif vom Sirren der Drohnen erzählte, die in diesem Krieg offenbar allgegenwärtig waren. „Unser Schicksal liegt in den Händen eines Drohnenpiloten, der irgendwo jenseits der israelischen Grenze in einem Militärstützpunkt sitzt. Dieser Pilot blickt auf Gaza wie ein freches Kind auf ein Computerspiel. Er drück eine Taste und vernichtet einen ganzen Straßenzug. Er kann über Leben und Tod eines Passanten entscheiden oder einen Baum auf einer Plantage entwurzeln, der noch nicht einmal Früchte getragen hat. Der Pilot wählt Ziele nach eigenem Ermessen aus, angetrieben durch das Vertrauen und die Macht, die seine Vorgesetzten in seine Hände gelegt haben. […] Gaza auf dem Monitor – Tausende Bilder, die von einer umherrasenden Drohne festgehalten und auf einen Computer weitergeleitet wurden. Die Bilder können sehr detailgetreu sein. Eins zeigt Hanna und mich auf unserem blauen Sofa, wie wir die Finsternis im Auge behalten. Auf einem anderen, im richtigen Winkel durch das Badezimmerfenster aufgenommen, sind unsere im Flur schlafenden Kinder zu sehen. Ich stelle es mir sehr unterhaltsam für die Soldaten vor, uns auf ihren Bildschirmen zu beobachten. Das beste Videospiel aller Zeiten. Bestimmt losen sie oft aus, wer als Erster schießen darf.“ (aus „Frühstück mit der Drohne“, S. 33)

Über das Leben von Familien mit Kindern mitten im Krieg in Gaza hatte Abu Saif angefangen zu schreiben, weil ihn sein Verleger in London gefragt hatte, wie es ihm inmitten des Krieges denn so ginge. Die Berichte im Tagebuchstil wurden in London ins Netz gestellt, fanden immer mehr Follower bei Facebook und wurden im „Guardian“,  in der „Sunday Times“ und vielen anderen Zeitungen abgedruckt.

In vielen Besprechungen des Buches „Frühstück mit der Drohne“ heißt es, dass es seinem Autor nicht um politische Analysen und Schuldzuweisungen gegangen wäre. Das Gegenteil ist der Fall: gerade indem er die Wirklichkeit eines asymmetrischen Krieges als ein tägliches Leben und Überleben schildert, macht er die Folgen der Politik erst wirklich begreifbar; wenn er über die Angriffe berichtet, werden in einer Fußnote wie für ein späteres Archiv die Namen und das Alter der Getöteten angegeben. In seinem Buch stellt er u.a. diese Fragen: „Wer kann diese israelische Generation davon überzeugen, dass das, was sie diesen Sommer getan haben, ein Verbrechen ist? Wer kann den Piloten davon überzeugen, dass seine Mission keine Mission für, sondern gegen sein eigenes Volk ist? Wer bringt ihm bei, dass Leben nicht auf den Trümmern anderen Lebens erbaut werden kann? […] Wer kann den Drohnenpiloten davon überzeugen, dass die Häuser, die er auf dem Bildschirm sieht, keine virtuellen Bilder sind, sondern das Zuhause von Menschen mit Wohnzimmern, Küchen, Bädern und Bettchen, in denen Kinder unter Mobiles schlafen, mit Zimmern, in denen Teddybären und Spielzeugdinosaurier auf dem Boden liegen und Poster die Wände schmücken?“ (aus „Frühstück mit der Drohne“, S. 71)

Die Veranstaltung im Überseemuseum wurde organisiert und getragen von: Arbeitskreis Nah-Ost, biz – Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Enwicklung, Deutsch-Palästinensische Gesellschaft Bremen (DPG), Bremer Friedensforum, ICAHD – Israeli Comittee Against House Demolitions Bremen und Nahost-Forum Bremen.
Sönke Hundt

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