Rufmord am Weser-Kurier

Der Weser-Kurier wollte keine Israel-Propaganda. Der auch deswegen gefeuerte Redakteur spielt sich jetzt als Opfer auf

Daniel Killy stammt aus einer jüdischen Familie und hat nahe Angehörige durch den Holocaust verloren. Er war früher Ressortleiter bei Bild und arbeitete ab Januar 2014 als Chef vom Dienst (CvD) bei der Bremer Tageszeitung Weser-Kurier. Schon zum 30. Juni 2015 wurde ihm aber wieder gekündigt. Die Gründe für seinen Rausschmiss schilderte er am 4. November 2015 in einem langen Interview auf dem israelischen Internetportal Arutz Sheva, das in der Westbank von rechts-religiösen Siedlern betrieben wird. Bremen sei, so Killy, »ein Bollwerk der Bewegung Boykott-Divestions-Sanctions (BDS), was es praktisch für eine Zeitung unmöglich macht, sich für Israel auszusprechen.« Er selbst habe zwar versucht, das zu ändern, habe aber intern immer mehr Schwierigkeiten bekommen, und seine Artikel seien zunehmend als voreingenommen kritisiert worden.

Im Sommer 2014, während des Gaza-Krieges und der Demonstrationen gegen Israels Politik, seien die Dinge eskaliert. Er habe im Weser Kurier einen Essay mit dem Titel »Wankende Werte – über neuen und alten Antisemitismus in Deutschland« (26. Juli 2014) geschrieben und darin geschildert, wie es sich anfühle, inmitten »antisemitischer Exzesse« ein deutscher Jude zu sein. Zitat: »Offen wird gegen Juden gehetzt, werden Juden hierzulande angegriffen.« Und: »Eine Volksfront von ganz rechts bis ganz links tobt ihren Antisemitismus gänzlich unverhohlen an Israel und dessen vorgeblichen Platzhaltern hierzulande aus.« Die Verlagsleitung, so Killy weiter, habe ihm danach quasi Schreibverbot erteilt, ihm sei untersagt worden, sich in der Zeitung zu jüdischen Themen und zu Israel zu äußern. Killy war, so seine Schilderung in Arutz Sheva, empört. »Einem Journalisten, der sich für jüdische Themen einsetzt, das Schreiben zu verbieten – das ist blanker Antisemitismus und mit dem Neutralitätsgebot von Medien nicht zu begründen.« Er habe beschlossen, die Anweisung der Verlagsleitung zu ignorieren und sich weiterhin im Weser-Kurier zu Nahost-Themen und zum Antisemitismus zu äußern. Was er auch tat.

Im Dezember 2014, so Killy weiter, habe ihm die Chefredaktion per E-Mail eine Rüge wegen »mangelnder journalistischer Unabhängigkeit« erteilt. Zwar habe noch der Versuch eines klärenden Gesprächs mit der Verlagsleitung stattgefunden, aber sechs Wochen später sei er dann gekündigt worden.

Es war klar, dass dieses Interview für ein israelisches und internationales Publikum bei Arutz Sheva über das Schicksal eines jüdischen Redakteurs in einer deutschen Tageszeitung für Furore sorgen würde – und sorgen sollte. Entsprechend dann auch einige Blog-Kommentare. Aus Boston: »Not surprising from the land of the third reich.« Aus Toronto: »Have a hard time understanding why jews would want to live in Germany.« Aus Moskau: »Why do Jews live in Germany anyway?«

Wie reagierten Chefredaktion und Verlagsleitung des Weser-Kurier auf diese Antisemitismus-Anschuldigungen? In einer ersten knappen Stellungnahme ließ der Verlag verlauten: »Die Entlassung hatte einen völlig anderen Grund.« Weser-Kurier und Killy hätten außerdem arbeitsgerichtlich vereinbart, sich im beiderseitigen Einvernehmen zu trennen.

Am 20. November 2015 dann berichtete der Branchendienst Meedia.de ausführlich über die Hintergründe der Kündigung, die inzwischen eine Affäre geworden war. Demnach habe es von Seiten des Verlages zwei Gründe für die Kündigung gegeben: Erstens habe Killy in seiner Tätigkeit für den Weser-Kurier wegen seiner gleichzeitigen Tätigkeit als Pressesprecher für die Jüdische Gemeinde Hamburg die notwendige journalistische Unabhängigkeit vermissen lassen. Der Verlag habe ihm diese Tätigkeit deshalb förmlich untersagt, zumal er keine – wie im Anstellungsvertrag vorgesehen – schriftliche Genehmigung für diese Nebentätigkeit eingeholt habe.

Zweitens habe es Meinungsverschiedenheiten über die Qualität seiner Arbeit gegeben: Verlags- und Redaktionsleitung hätten ihm vorgeworfen, seinen Job nicht ordentlich zu machen. Chefredakteur Moritz Döbler wörtlich: »Wir haben ständig Konflikte über die Ausrichtung des Blattes gehabt.« Killys ehemalige Kolleginnen und Kollegen in Redaktion und Verlag unterstützten dem Bericht zufolge die Verlagsleitung und reagierten empört auf die Antisemitismus-Vorwürfe. Ruth Gerbracht, Vorsitzende des Betriebsrates der Bremer Tageszeitungen AG, war »entsetzt darüber, wie Killy unsere Zeitung beschädigt.«

Der Vorwurf des Antisemitismus wiegt schwer, und Killy hatte diese Anschuldigung bislang mit Vorliebe gegen Palästinenser, Linke und Friedensbewegte gerichtet, sobald sie es wagten, Israels Politik zu kritisieren. Nun erhob er öffentlich den gleichen Vorwurf gegen Verlag und Redaktion der größten und allgemein als seriös und konservativ geltenden Bremer Tageszeitung – in eigener Sache. Merke: Nicht jede Kritik an Israel ist gleich antisemitisch. Und die Kündigung eines dem jüdischen Glauben anhängenden Redakteurs hat nicht automatisch einen antisemitischen Hintergrund.
Sönke Hundt

Quelle (mit freundlicher Genehmigung): junge Welt v. 10.12.2015

siehe auch:

Die Entlassung des Journalisten Killy und seine „Antisemitischen Verschwörungstheorien“ – und was wir daraus lernen können – v. 26.11.5
von Detlef Griesche

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