Susan Abulhawa in der Zentralbibliothek in Bremen

Susan Abulhawa hat Weltliteratur geschrieben. Palästinensische Weltliteratur. Ihr Debüt-Roman „Während die Welt schlief“ wurde in den USA sofort ein Bestseller und in fast 30 Sprachen übersetzt. Die Autorin ist in Kuweit geboren, lebte nach der Trennung ihrer Eltern zuerst in Abulhawa in Kuweit, dann in Jordanien, kam nach Jerusalem in ein Waisenhaus und wurde im Alter von 13 Jahren als Pflegekind nach North Carolina in den USA vermittelt. Ihr erster Roman („Während die Welt schlief“) erschien im April 2012, ihr zweiter („Als die Sonne im Meer verschwand“) im April 2016. Beide Roman standen in Deutschland monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Ihr dritter Roman erscheint demnächst.

Susan Abulhawa

Die Autorin las und diskutierte am 9. Mai 2017 im vollen Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen. Sie wurde begleitet von der Schauspielerin und Rezensentin Soraya Sala, geboren in Kairo, die geradezu kongenial einige Textpassagen aus der deutsche Übersetzung vorlas.

An dem Abend folgten in bunter Reihenfolge Abschnitte aus ihren Büchern, die von Soraya Sala vorgelesen werden, sowie Fragen aus dem Publikum und ihre Antworten darauf. Sie wurden von Mirco Griesche einfühlsam übersetzt. Auf Wunsch des Publikums las sie auch eine Passage auf arabisch. Am Schluss des Abends folgten zwei lange Gedichte. Es wurde ein großartiger Abend, das Publikum dankte mit großem Beifall.

Soraya Sala

Susan Abulhawa schreibt Literatur, die auch politisch ist. Sie ist Mitbegründerin der BDS-Kampagne und engagiert sich besonders für die NGO „Playgrounds for Palestine“. Große Aufmerksamkeit erregten ihre Ausführungen zum Antisemitismus-Vorwurf, der in einigen Rezensionen ihrer Bücher auch gegen sie erhoben worden war. Soraya Sala hatte einige Passagen aus einem e-mail-Verkehr über diese Fragen übersetzt.

Susan Abulhawa blickt sozusagen mit palästinensischen Augen, also vor dem Hintergrund ihrer Kultur und ihrer Geschichte auf diese komplizierte Diskussion. Antisemitismus wäre in Europa entstanden, die orientalischen Völker und Kulturen hätten damit wenig oder nichts zu tun. Die Europäer und mit ihnen die Juden aus Europa und anderen westlichen Ländern seien als Kolonialisten in ihr Land Palästina gekommen. Und das sei ein wichtiger Unterschied und verändere die Sichtweise.

Die Crux an der Antisemitismus-Diskussion sei aus ihrer Sicht, so Susan Abulhawa, die Vernachlässigung der Dimension der Macht. „Antisemitismus und alle Formen von Rassismus benötigen ein Machtgefälle, das in eine Richtung läuft. Wenn z.B. Weiße die Schwarzen hassen, aus einem Gefühl der Überlegenheit oder Bösartigkeit oder Ignoranz heraus, dann ist das Rassimsus. Wenn umgekehrt Schwarze Weißen gegenüber Misstrauen, Argwohn, Abneigung oder sogar Hass verspüren, ist das kein Rassismus. Sondern vielmehr eine minimale menschliche Reaktion, die entsteht, wenn man jahrhundertelang von Weißen verachtet, brutalisiert und terrorisiert worden ist.“

Das, was die meisten Deutschen, die sich arisch dünkten, gegenüber den deutschen Juden gefühlt hätten, sei Antisemitismus gewesen. Aber was die Juden „zurückgefühlt“ hätten, nämlich Hass, Misstrauen oder was auch immer, sei kein Rassismus gewesen, sondern eine natürliche Reaktion darauf, Opfer eines Völkermordes zu sein. Auf die gleiche Weise würden Palästinenserinnen und Palästinenser fühlen. Wenn sie gegenüber Juden Misstrauen, Abneigung oder Hass verspürten, sei das die natürliche Antwort auf Jahrzehnte von systematischer Unterdrückung, Entrechtung, Terrorismus, ständiger Schikane, ständigen Diebstahls ihres Landes, ihrer Häuser, nächtlicher Überfälle und Verhaftungen.

„Wir sagen“, so Susan Abulhawa, „Juden, und es ist klar, wen wir damit meinen. Nicht die Juden allgemein, sondern diejenigen, die den Tod auf uns regnen lassen, die uns alles gestohlen haben und die unsere Herzen herausgerissen haben. Ich weiß, dass diese Worte für Menschen, die ihre eigene Geschichte mit dem Antisemitismus haben, unbequem sind oder ihnen Unbehagen bereiten. Aber meine Arbeit besteht darin, eine Geschichte zu erzählen, die ehrlich und authentisch ist. Und ich kann nicht die Ehrlichkeit meiner Geschichten dafür opfern, um einigen Lesern ein wenig Unbehagen zu ersparen.“ Es sei nötig gewesen, dieses Unbehagen zu hinterfragen. Und dafür müsse man die Bedeutung und die Wirkung von Machtstrukturen, also die Gefühle der Unterdrückten gegenüber ihren Unterdrückern bedenken. Eine in Deutschland lebende Frau solle nicht erwarten, dass ihre eigenen Gefühle und Sensibilitäten auch die Gefühle einer Palästinenserin seien, die in einem Gefängnis am Meer, das man Gaza nenne, leben müsse.

Mitschnitt aus der Veranstaltung am 09.05.2017

Einige Ausschnitte aus diesem e-mail-Verkehr über den Antisemitismus aus palästinensischer Sicht werden in dem Video über den Abend gezeigt. Weil es aber bei diesem schwierigen Thema so sehr auf die Nuancen ankommt, hier noch mal die entsprechenden Ausführungen auf einer audio-Datei. Die Passagen werden von Soraya Sala, die selber von Geburt aus Ägypterin ist und den Text selber übersetzt hat, mit ihrem leichten Akzent vorgelesen. Der leichte Akzent half wahrscheinlich dabei, sich jedenfalls etwas in die Gefühle von Palästinensern und Arabern diesem Thema hineinfühlen zu können.

Der Abend wurde organisiert vom AK Nahost Bremen und unterstützt von der Stiftung „die schwelle“, der Stadtbibliothek Bremen, dem LiteraturKontor Bremen, dem Bremer Friedensforum, der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft (DPG) Bremen, dem Israelischen Komitee gegen Hauszerstörung Deutschland (ICAHD), der Humboldt Buchhandlung und dem Diana-Verlag. .

Der Abend in Bremen war der Beginn der Deutschland-Tournee, die Susan Abulhawa nach Osnabrück, Hannover, Köln und Ulm führte.
Sönke Hundt

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