Kommentar von Moshe Zuckermann: Verlogene Entrüstung

Am 7. Oktober soll die Vereinigung »Juden in der AfD« offiziell
gegründet werden. Prominente Vertreter der jüdischen Öffentlichkeit

in Deutschland wie Charlotte Knobloch, Maram Stern und Michel Friedman
bekunden darüber Befremden und Bestürzung. Juden hätten nichts in einer
»menschenverachtenden, demokratiefeindlichen« Partei verloren, in der
sich »Antisemiten pudelwohl fühlen können«, und Juden als
»Feigenblatt« bzw. als »Koscherstempel« für »plumpen AfD-Rassismus«
benutzt würden. Die Entrüstung lässt sich gewiss nachvollziehen, und
doch mutet sie verlogen an.

Denn ein humanistisches, antirassistisches, demokratisch-tolerantes Bild
der Juden wird da gerade von jenen heraufbeschworen, deren
menschenfreundliche Emphase merklich verblasst, wenn es um die Verurteilung
der über 50 Jahre andauernden Knechtung der Palästinenser durch den
israelischen Staat geht. Im Gegenteil, sobald sich jüdische (und andere)
Kritiker zu Wort melden, die die israelischen Verbrechen in den besetzten
Gebieten, die brutale fortwährende Verletzung von Menschenrechten und dem
Völkerrecht, verurteilen, werden sie von diesen Vertretern der jüdischen
Verbände in Deutschland des Antisemitismus geziehen und als »sich selbst
hassende Juden« verleumdet. Der perfide Antisemitismusvorwurf dient ihnen
als nicht minder perfider Koscherstempel für den Judenstaat.

Aber was will man von der jüdischen Prominenz in Deutschland? War es
nicht jüngst die Mossad-Legende Rafi Eitan, die lobende Grußworte an die
AfD richtete? War es nicht der israelische Premier Benjamin Netanjahu, der
den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, Horthy-Bewunderer mit
antisemitischer Rhetorik, in Israel als Staatsgast (mit obligatorischem Yad
Vashem-Besuch) begrüßte? An Rassismus, Xenophobie, Araberhass und
rabiater Volksverhetzung kann es Israels politische Kultur allemal mit der
AfD aufnehmen, und zwar nicht nur »auf der Straße«, sondern auch – und
gerade – in der Sphäre der hohen Politik. Von der zunehmenden
Faschisierung der israelischen Politstrukturen sei hier geschwiegen.

Von alledem will das jüdische Establishment in Deutschland nichts wissen.
Man mag einwenden, das sei ja auch nicht seine Aufgabe; es handelt sich um
deutsche Bürger, die sich um deutsch-jüdische Belange zu kümmern haben.
Aber das stimmt nicht. Denn es ist gerade dieses jüdische Establishment,
das seine fetischistische Solidarität mit Israel zum Erbteil seiner
Bestimmung und Identität hat gerinnen lassen, und zwar mit hysterischer
Verleumdungswut angesichts jeglicher Israel-Kritik.

Was die Vertreter dieses Establishments nicht merken, ist, dass die
Gründung der Vereinigung »Juden in der AfD« in der Logik dessen liegt,
was gerade sie seit Jahren mit einigem Erfolg zu tabuisieren trachten.
Wiederkehr des Verdrängten?

 
(jw, 26.9.2018)