Göttinger Friedenspreis für die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden“ unter Beschuss der Israel-Lobby

Andreas Zumach am 20.04.2016 in Bremen

Dem Göttinger Friedenspreis droht ein Eklat: Der Zentralrat der Juden und Vertreter der FDP werfen dem nominierten Preisträger Antisemitismus vor. Göttingens Oberbürgermeister empfiehlt, die Verleihung auszusetzen. Die Jury hält an ihrer Entscheidung fest. Hier die Stellungnahme des Vorsitzenden der Jury, Andreas Zumach.

Der Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ soll den Göttinger Friedenspreis 2019 erhalten. Der mit 3000 Euro dotierte Preis wird in diesem Jahr zum 21. Mal verliehen. Die öffentliche Veranstaltung soll am Sonnabend, 9. März, um 11 Uhr in der Aula am Wilhelmsplatz, stattfinden. Aus der Begründung: … für ihr unermüdliches Engagement, eine gerechte Friedenslösung zwischen zwei souveränen Nachbarstaaten, zwischen Israelis und PalästinenserInnen anstreben und erreichen zu können.“

Die unbedingten Israelfreunde haben sofort Alarm geschlagen und versuchen zur Zeit mit ziemlich allen Mitteln, die Preisverleihung zu verhindern bzw. zurückzudrehen. In einem Brief an Göttingens Oberbürgermeister Rolf Georg Köhler (SPD) wirft der Zentralrat der Juden in Deutschland dem Preisträger vor, „die gegen Israel gerichtete Boykottbewegung BDS“ aktiv zu unterstützen. Mit ihren Boykottaufrufen versuche die BDS-Bewegung, Israel zu isolieren und als Apartheidsstaat zu diffamieren. „Die Stoßrichtung der BDS-Bewegung ist unzweifelhaft antisemitisch“, schreibt der Präsident des Zentralrates, Josef Schuster, an Köhler und die Präsidentin der Universität Göttingen, Ulrike Beisiegel. Beide sind Mitglied des Stiftungskuratoriums.

Köhler und Beisiegel haben darauf inzwischen reagiert: Als Repräsentant der Stadt und Kuratoriumsmitglied sei es seine Pflicht, einen möglichen Reputationsverlust der Stiftung und des Preises zu vermeiden. „Darum empfehle ich, die Preisverleihung zunächst auszusetzen“, so Köhler. Aus seiner Sicht sei es jetzt erforderlich, den Antisemitismusvorwurf, „vor allem in Bezug auf die Zusammenarbeit mit der BDS-Bewegung, eindeutig auszuräumen oder andernfalls von der Preisverleihung abzusehen“. Fast wortgleich schließt sich Beisiegel der Position Köhlers an. Die Entscheidung liege allerdings alleine bei der Stiftung, ergänzte Köhler.

Die Sparkasse Göttingen als große Sponsorin des Friedenspreises hat auch Angst, unter den An tisemitismusvorwurf zu geraten. Sie werde „aus aktuellem Anlass die Unterstützung des Friedenspreises überprüfen“. Zugleich begrüßte sie die Empfehlung Köhlern und Beisiegels.

Die Jury des Göttinger Friedenspreises hält an der Auszeichnung des Vereins „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ fest. Die Preisverleihung erfolge wie geplant am 9. März in einer öffentlichen Feier, sagte der Jury-Vorsitzende Andreas Zumach am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst. Ausweislich der Satzung der Stiftung sei die Jury allein verantwortlich für die Entscheidung über den jährlichen Preisträger, betonte Zumach. Die Entscheidung der Jury sei „unanfechtbar“. Die Mitglieder von Vorstand, Kuratorium, Beirat oder Organisationskomitee der Stiftung seien nicht für die Auswahl des Preisträgers verantwortlich: „Alle Versuche, sie oder andere Personen zu einer Revision der Jury-Entscheidung zu bewegen, sind daher zwecklos.“

Dass die „Jüdische Stimme“ die BDS-Kampagne unterstütze, habe für die Entscheidung der Jury keine Rolle gespielt. Es gebe keine Position der Jury zu BDS. Er selbst unterstütze BDS nicht, weil er einige Ziele des Gründungsaufrufs von 2005 ebenso kritisiere wie einige Handlungsvorschläge. Aber er halte die weiterverbreitete pauschale Behauptung „BDS ist antisemitisch“ für falsch.

Die „Jüdische Stimme“ weist die Vorwürfe ebenfalls zurück. „Wir unterstützen die Bewegung und solidarisieren uns mit ihren Zielen“, bestätigt die Vereinsvorsitzende Iris Hefets. Diese seien allerdings nicht antisemitisch. Der Verein stehe für die Vielfalt der Menschen und Vielfalt des Judentums – auch in Israel. Der Göttinger Friedenspreis sei für den Verein eine wichtige Auszeichnung – auch als „ein Zeichen der Sicherheit, dass es in Deutschland mehr Menschen gibt, die sich für Menschenrechte und freie Meinungsäußerung einsetzen – auch in Israel“.


Andreas Zumach bittet in einem offenen Brief um Unterstützung:

BITTE BALD  LESEN!    WEITERVERBREITEN !  UND  REAGIEREN!

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

der Konflikt um die Vergabe des Göttinger Friedenspreises an die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.“ ist in den letzten 48 Stunden erheblich  eskaliert.
Alle Details stehen in der ausführlichen Stellungnahme, dic ich in meiner Funktion als Vorsitzender der Preisjury heute mittag (Stand 16 Uhr) verfaßt habe zu der Kritik, den Falschbehauptungen, Schmähungen und dem suggestivem Rufmord , die über die „Jüdische Stimme“ verbreitet werden sowie zu den Forderungen, die Preisvergabe an die „Jüdische Stimme“ rückgängig zu machen und/oder die für den 9.3. geplante Preisverleihung in der Aula der Göttinger Universität abzusagen . Der Göttinger Oberbürgermeister  hat heute empfohlen , die Preisverleihung „auszusetzen“. Es sei zunächst „erforderlich den Antisemistismusvorwurf (gegen den Preisträger „Jüdische Stimme“ ,AZ) vor allem in Bezug auf Zusmmenarbeit mit der BDS-Bewegung eindeutig auszuräumen“.

Nach Abfassung meiner Stellungnahme hat sich auch die Präsidentin der Göttinger Universität dieser „Empfehlung“ des Oberbürgermeisters angeschlossen. Der OB und die UNI-Präsidentin gehören beide qua Funktion dem Kuratorium der Stiftung an,die den Göttinger Friedenspreis vergibt. Die Göttinger Sparkasse hat die Empfehlungen „begrüßt“ und angekündigt ihr finanzielles Sponsoring für den seit 21 Jahren vergebenen Preis „zu überprüfen“.

Jetzt lastet der Druck auf dem Vorstand der Stiftung, sich zu diesen „Empfehlungen“ zu verhalten. Ich werde einer Revision der Preisentscheidung für die „Jüdische Stimme“, einer Absage oder auch nur Aussetzung der für den 9.3. geplanten Preisverleihung unter keinen Umständen zustimmen. Damit die „Jüdische Stimme“ nicht bald allein im Regen steht,wäre es gut, wenn Oberbürgermeister Köhler, UNI-Präsidentin Beisiegel  und der Sparkassenvertreter jetzt möglichst schnell möglichst viele E-Mails erhalten :
oberbuergermeister@goettingen.de
praesidentin@uni-goettingen.de
Rainer.Hald@Spk-Goettingen.de

mehr Informationen: Göttinger Tageblatt v. 14.02.2019
http://www.goettinger-tageblatt.de/Die-Region/Goettingen/Goettinger-Friedenspreis-Proteste-gegen-Jury-Entscheidung

HNA v. 14.02.2019
https://www.hna.de/lokales/goettingen/goettingen-ort28741/goettinger-friedenspreis-2019-verschiebung-wahrscheinlich-wegen-antisemitismus-11765851.html