Im System der Schattenbanken – Ökonomen diskutierten in Bremen über Finanzmärkte und Geopolitik

Mehr als 200 Menschen drängten sich am Dienstag im großen Saal der Zionsgemeinde in der Bremer Neustadt, um einer Diskussion zum Thema »Finanzmärkte, Geopolitik, Kriege« zu folgen. Die Vereinigte Evangelische Gemeinde Bremen-Neustadt, das Bremer Friedensforum, ATTAC und andere Organisationen hatten zwei angesehene Ökonomen für das Gespräch gewinnen können. Folker Hellmeyer ist Chefanalyst der Bremer Landesbank und ein ausgewiesener Praktiker des Bankgeschäfts. Seine Analysen und Prognosen werden in der Finanzszene viel beachtet. Er ist präsent in Medien und diversen Internetplattformen. Bekannt geworden ist er vor allem durch die in seinem Buch »Endlich Klartext!« vorgelegte Analyse der Finanzkrise von 2007/2008 und eine für einen Banker außergewöhnlich schonungslose Kritik an ihren Ursachen. Schließlich widerstand »seine« Bremer Landesbank den Verlockungen hoher Renditen durch dubiose Finanzprodukte und kam deswegen – im Gegensatz zu den anderen Landesbanken – ohne große Blessuren durch die Krise. Rudolf Hickel ist ein nicht weniger bekannter und in den Medien sehr präsenter Wirtschaftswissenschaftler, Mitbegründer der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Finanzmärkte: ihre Struktur, die auf ihnen gehandelten Volumina, die wichtigsten Akteure und ihr unkontrollierter Einfluss auf die US-amerikanische, europäische und deutsche Politik. Obwohl man 2008 in den Abgrund einer Weltwirtschaftskrise geblickt hatte und von allen Seiten der Politik eine strikte Re-Regulierung der vorher deregulierten Finanzmärkte gefordert und versprochen worden war, sei im Grunde, darin stimmten beide Referenten überein, nicht allzuviel erreicht worden. Die Gefahr einer neuen Finanzkrise sei nicht gebannt. Die vorgenommenen Regulierungsmaßnahmen hätten eher dazu geführt, dass der »dunkle Bereich« der Ökonomie, das System der Schattenbanken, an Volumen und an Einfluss zugenommen habe.

Folker Hellmeyer erläuterte in diesem Zusammenhang einen ungewollten Nebeneffekt der vorgenommenen Regulierungen. Was jetzt reguliert und erschwert würde, sei das klassische Kreditgeschäft, welches aber gar nicht das Problem gewesen sei. Die Sparkassen und Volksbanken und einige Landesbanken in Deutschland hätten während der Finanzkrise antizyklisch gegenzusteuern versucht. »Wir haben weiterhin Kredite rausgegeben, um die Unternehmen über Wasser zu halten. Jetzt werden wir in unserer Kreditvergabe als Folge der Regulatorik eingeschränkt. Das Absurde daran ist, dass die Täter mit ihrem Geschäftsmodell – dem Investmentbanking – dadurch sozusagen noch einmal subventioniert werden. Wir können jetzt weniger Kredite vergeben, wodurch immer mehr Unternehmen, vor allem Mittelständler, an den Kapitalmarkt und damit zu den Investmentbanken gezwungen werden.« Hellmeyer kommentierte mit bitterer Ironie: »Man muss anerkennen: Das war gute Lobbyarbeit.«
jW-Probeabo

Rudolf Hickel referierte unter anderem über erschreckende Aspekte des Rüstungsgeschäfts, in das die Bremer Industrie ja überdurchschnittlich stark involviert ist. Er sei im Aufsichtsrat eines U-Boote bauenden Rüstungsunternehmens, dessen Namen er nicht nennen wollte, dabeigewesen, als vor ungefähr vier Jahren die Verkäufe von je zwei U-Booten an Griechenland und an die Türkei auf den Weg und durch den Genehmigungsprozess gebracht worden waren. Seine Warnung vor diesen Geschäften habe nicht nur nicht gefruchtet. Die Situation sei seitdem nur noch schlimmer geworden. »Was mich so ärgert«, schloss er seine mit viel Beifall begleiteten Erläuterungen, »es ist offensichtlich geworden, dass der gleichzeitige Export von Waffen, von Maschinengewehren, Panzern und all dem Zeugs unmittelbar gerade in die Regionen geht, in denen der Krieg tobt.«

Der Einfluss der Finanzmärkte auf die Geopolitik und auf die Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und Afrika war dann noch ebenso Thema wie die Osterweiterung der NATO und das Erstarken der BRICS-Staaten.
Sönke Hundt

Quelle (mit freundlicher Genehmigung): junge Welt v. 04.02.16

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