Shlomo Sand: Warum ich kein Zionist sein kann

Warum ich kein Zionist sein kann: offener Brief an Emmanuel Macron.
Als ich begann, Ihre Rede anlässlich der Vel-d’Hiv-Massenverhaftung zu lesen, war ich Ih­nen dankbar. Angesichts der langen Tradition politischer Führer von Links und Rechts in Vergangenheit und Gegenwart, die Frankreichs Beteiligung und Verantwortlichkeit für die Deportation jüdischstämmiger Menschen in die Todeslager leugnen, war ich dankbar, dass Sie stattdessen eine klare Position bezogen, ohne Doppeldeutigkeit: Ja, Frankreich ist für die Deportation verantwortlich, ja, es gab Antisemitismus in Frankreich vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ja, wir müssen alle Formen des Rassismus‘ bekämpfen. Ich sah diese Positionen in der Kontinuität Ihrer mutigen Aussage in Algerien, als Sie sagten, dass Kolo­nialismus ein Verbrechen gegen die Menschheit darstelle.

Aber um ganz ehrlich zu sein. Ich war verärgert darüber, dass Sie Benjamin Netanyahu eingeladen hatten. Er sollte zweifellos in die Kategorie der Unterdrücker gehören, also kann er sich nicht als Vertreter der Opfer der Vergangenheit inszenieren. Natürlich weiß ich seit langem von die Unmöglichkeit, die Erinnerung von der Politik zu trennen. Viel­leicht verfolgten Sie eine ausgefeilte Strategie, die Sie noch enthüllen müssen und die auf einen Beitrag zur Umsetzung eines gerechten Kompromisses im Nahen Osten abzielt?

Ich konnte Sie nicht mehr verstehen, als Sie im Verlauf Ihrer Rede sagten, dass „Antizio­nismus […] eine wieder erfundene Form des Antisemitismus“ sei. Wollten Sie mit dieser Aussage Ihren Gast zufriedenstellen, oder ist sie einfach nur ein Anzeichen des Mangels politischer Kultur? Hat der ehemalige Student der Philosophie, der Assistent Paul Ri­coeurs, so wenige Geschichtsbücher gelesen, dass er nicht weiß, dass viele Juden oder Nachkommen jüdischen Erbes immer gegen den Zionismus waren, ohne dass sie das zu Antisemiten gemacht hat? Hier verweise ich auf all die alten bedeutenden Rabbiner, aber auch auf die Haltung, die von eine Richtung des gegenwärtigen orthodoxen Judentums eingenommen wird. Und ich erinnere an Menschen wie Marek Edelman, einen der ent­kommenen Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto, oder die Kommunisten jüdi­scher Herkunft, die in der französischen Resistance in der Manouche-Gruppe, die ums Le­ben kamen. Ich denke auch an meinen Freund und Lehrer Pierre Vidal-Naquet und andere großartige Historiker und Soziologen, wie Eric Hobsbawm und Maxine Rodinson, deren Schriften und Erinnerung mir so lieb sind, oder auch Edgar Morin. Und letztlich frage ich mich, ob Sie ernsthaft von den Palästinensern erwarten, dass sie keine Antizionisten sind!

Gleichwohl vermute ich, dass Sie die Menschen auf der Linken nicht sonderlich wertschät­zen, oder vielleicht die Palästinenser. Da ich aber weiß, dass Sie in einer Rothschild-Bank arbeiteten, will ich hier auf ein Zitat von Nathan Rothschild verweisen. Als Präsident der Vereinigung der Synagogen in Großbritannien, war er der erste Jude, der im Vereinigten Königreich zum Lord ernannt wurde, wo er auch der Vorstand der Bank wurde. In einem Brief von 1903 an Theodor Herzl schrieb der talentierte Bankier, dass er besorgt sei über den Plan, eine „jüdische Kolonie“ zu errichten; sie „wäre wie ein Ghetto in einem Ghetto mit all den Vorurteilen eines Ghettos“. Ein Judenstaat „wäre klein und unbedeutend, or­thodox und illiberal und würde Nicht-Juden und Christen ausschließen“. Wir könnten schlussfolgern, dass Rothschilds Prophezeiung falsch war. Aber eines ist sicher: Er war kein Antisemit!

Natürlich gab es und gibt es Antizionisten, die auch Antisemiten sind, und ich bin mir auch sicher, dass wir Antisemiten unter den Sympathisanten des Zionismus‘ finden. Ich kann Ihnen auch versichern, dass eine Reihe Zionisten Rassisten sind, deren mentale Struktur sich nicht von der absoluter Judäophoben unterscheidet: Sie suchen gnadenlos nach einer jüdischen DNA (sogar an der Universität, an der ich unterrichte).
Aber um klarzustellen, was ein antizionistischer Standpunkt ist, ist es wichtig, sich zuerst auf eine Definition des Konzepts „Zionismus“ zu einigen oder wenigstens auf eine Reihe seiner Charakteristiken. Ich werde versuchen, das so kurz wie möglich zu tun.

Zuallererst ist Zionismus nicht Judaismus. Es ist sogar eine radikale Revolte dagegen. Über die Jahrhunderte hegten gläubige Juden eine große Begeisterung für ihr heiliges Land, vor allem für Jerusalem. Aber sie hielten sich an die talmudische Vorschrift, dass sie nicht kollektiv vor der Wiederkehr des Messias dorthin emigrieren sollten. In der Tat ge­hört das Land nicht den Juden, sondern Gott. Gott gab es, und er nahm es wieder; und er würde den Messias senden, um es wiederzubringen, wenn er es wollte. Als sich der Zionis­mus zeigte, entfernte er den „Allmächtigen“ von seinem Platz und ersetzte ihn durch den aktiven Menschen an seiner Stelle.

Wir können geteilter Meinung darüber sein, ob das Projekt der Gründung eines exklusiv jüdischen Staats auf einem Stück Land mit einer sehr großen arabischen Mehrheit eine moralische Idee ist. 1917 belief sich die Bevölkerung Palästinas auf 700.000 arabische Muslime und Christen und ungefähr 60.000 Juden, von denen die Hälfte gegen den Zio­nismus waren. Bis zu diesem Zeitpunkt bevorzugte die Mehrheit der jiddischsprachigen Menschen, die vor den Pogromen des Russischen Reichs flohen, die Auswanderung auf den amerikanischen Kontinent. In der Tat schafften es zwei Millionen dorthin und entka­men so der Verfolgung durch die Nazis (und der unter dem Vichy-Regime).

1948 gab es in Palästina 650.000 Juden und 1,3 Millionen arabische Muslime und Chris­ten, von denen 700.000 zu Flüchtlingen wurden. Auf dieser demographischen Basis wurde der Staat Israel geboren. Dennoch, und vor dem Hintergrund der Ausrottung der europäi­schen Juden, kamen einige Antizionisten zu dem Schluss, dass es zur Vermeidung neuer Tragödien am besten sei, den Staat Israel als unauslöschliche vollendete Tatsache anzuse­hen. Auch ein Kind, das durch eine Vergewaltigung entstanden ist, hat ein Recht auf Le­ben. Aber was ist, wenn das Kind in die Fußstapfen seines Vaters tritt?

Dann kam 1967. Seitdem herrscht Israel über 5,5 Millionen Palästinenser, denen bürgerli­che, politische und soziale Rechte verweigert werden. Israel unterwirft sie militärischer Kontrolle: für einen Teil von ihnen gibt es ein „Indianerreservat“ auf der West Bank, wäh­rend andere in einem „Stacheldrahtbehälter“ in Gaza eingeschlossen sind (70 % der Bevöl­kerung dort sind Flüchtlinge oder ihre Nachkommen). Israel, das ständig seinen Wunsch nach Frieden erklärt, betrachtet die Gebiete, die 1967 erobert wurden, als integralen Be­standteil des „Landes Israel“, und es benimmt sich dort, wie es ihm passt. Bis jetzt sind 600.000 jüdisch-israelische Siedler dorthin gebracht worden … und das hat noch nicht aufgehört!

Ist das der Zionismus von heute? Nein! antworten meine Freunde von der israelischen Lin­ken – welche permanent schwindet. Sie sagen mir, dass wir die Dynamik der zionistischen Kolonisierung beenden müssen, dass ein enger, kleiner palästinensischer Staat neben dem Staat Israel gegründet werden soll und dass es das Ziel des Zionismus‘ gewesen sei, einen Staat zu gründen, in dem Juden über sich selbst herrschen würden, nicht um „das alte Hei­matland“ in seiner Gänze zu erobern. Und die gefährlichste Sache in all dem sei, in ihren Augen, dass die Annexion von Gebiet den Charakter Israels als jüdischer Staat bedrohe.

Damit sind wir an dem Punkt angekommen, an dem ich Ihnen erklären sollte, warum ich Ihnen schreibe und warum ich mich als Nicht-Zionist oder Antizionist definiere, ohne da­mit anti-jüdisch zu werden. Ihre Partei hat die Worte „La République“ in ihren Namen auf­genommen. Also nehme ich an, dass Sie ein glühender Republikaner sind. Und mit dem Risiko, Sie zu überraschen: Ich bin es auch. Also kann ich als Demokrat und Republikaner nicht – wie das alle Zionisten tun, linke wie rechte, ohne Ausnahme – einen jüdischen Staat unterstützen. Das israelische Innenministerium zählt 75 % der Bevölkerung des Lan­des als jüdisch an, 21 % als arabische Muslime und Christen und 4 % als „andere“[sic!]. Und doch gehört Israel nach dem Geist seiner Gesetze nicht den Israelis insgesamt, wo es doch sogar all den Juden weltweit gehört, die keine Absicht haben, dort zu leben. Damit gehört Israel beispielsweise sehr viel mehr Bernard Henri-Lévy oder Alain Finkielkraut als meinen palästinensisch-israelischen Studenten, hebräisch Sprechenden, die die Sprache manchmal besser sprechen als ich! Israel hofft, dass der Tag kommen werde, an dem alle Mitglieder des CRIF („Representative Council of Jewish Institutions in France“ – „Vertre­terrat jüdischer Institutionen in Frankreich“ – d. Übers.) und ihre „Anhänger“ nach Israel auswandern! Ich kenne sogar ein paar französische Antisemiten, die angesichts einer sol­chen Aussicht hocherfreut sind. Auf der anderen Seite könnten wir zwei israelische Minis­ter, Vertraute von Netanyahu, finden, die die Meinung verbreiten, dass es nötig sei, den „Transfer“ israelischer Araber zu ermutigen, ohne dass das bedeutet, dass irgend jemand ihren Rücktritt fordert.

Das, Herr Präsident, ist es, warum ich kein Zionist sein kann. Ich bin ein Bürger, der wünscht, dass der Staat, in dem er wohnt, eine israelische Republik sein sollte, und kein Staat einer jüdischen Gemeinschaft. Als Nachkomme von Juden, die so sehr unter Diskri­minierung litten, möchte ich nicht in einem Staat leben, der mich nach seiner eigenen Selbst-Definition zu einer privilegierten Klasse von Bürgern macht. Herr Präsident, glau­ben Sie, dass mich das zu einem Antisemiten macht?

Original: https://www.counterpunch.org/2017/08/11/why-i-cannot-be-a-zionist-an-open-letter-to-emmanuel-macron/
Übersetzung: A. W

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