Pompöse Feiern zum Unabhängigkeitstag – und eine alternative Gedenkfeier mit David Grossman

Israel hat am 17. April mit den pompösen Feiern zum 70. Gründungstag des Staates Israel behonnen. Auf dem Herzl-Berg in Jerusalem wurden Fackeln entzündet. Anschließend sollen Menschen an mehreren Orten landesweit das Lied „Hallelujah“, mit dem Israel 1979 den Eurovision Contest gesungen hatte, singen. Die Feiern sollen 70 Stunden dauern, u.a. mit Partys auf insgesamt 70 Kilometern Strand, Straßenfesten in Tel Aviv und Jerusalem und Feuerwerke. An einer Flugshow am Donnerstag werden erstmals auch Luftwaffen anderer Länder teilnehmen.

Tachles, das jüdische Wochenmagazin aus der Schweiz, berichtete von einer Alternativen Gedenkfeier, zu der sich schon am Dienstag (17. April 2018) knapp 7000 Israelis und Palästinenser von beiden Seiten der „grünen Linie“ im Tel Aviver Hayaron-Park versammelt hatten. Avigdor Liebermanm, derzeitiger Verteidigungsminister, hatte zuvor die Veranstaltung als „unvernünftig“ und „geschmacklos“ bezeichnet und versucht, sie zu verhindern. Auf Einspruch der Organisatoren entschied der Oberste Gerichtshof aber gegen ihn, und die Veranstaltung fand statt.

Ein Video von der Gegendemonstration zeigt etwas von dem Klima der Auseinandersetzung mit extrem nationalistischen Teilen der israelischen Gesellschaft.

 

 

Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete sicher die Rede des international renommierten Schriftstellers David Grossman, der selber einen Sohn im Libanonkrieg von 2006 verloren hat. „Mit 70 ist Israel vielleicht eine Festung“, sagte er zum Schluss, „doch ein Heim (homeland) ist es immer noch nicht… Wenn die Palästinenser kein Heim haben, dann wird Israel auch keines haben.“

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.04.2018 hat dankenswerterweise die Rede Grossmans übersetzt. Sie hat die Überschrift „Wir singen auf Hebräisch und Arabisch den gleichen Vers.“ Hier Auszüge:

„Es hat eine Menge Lärm und Aufregung rund um unsere Feier gegeben; aber wir vergessen darüber nicht, dass es hier um Erinnerung und Gemeinschaft geht. Der Lärm, auch wenn er noch anhält, liegt nun hinter uns, denn im Herzen dieses Abends herrscht tiefe Stille – die Stille der Leere durch den Verlust. […]

Zu Hause ist man an einem Ort, dessen Wände – Grenzen – eindeutig und anerkannt sind, dessen Existenz unumstößlich und entspannt ist, dessen Bewohner mit ihren jeweiligen Verhaltensweisen vertraut sind, dessen Beziehungen zu den Nachbarn beständig sind. So etwas vermittelt ein Gefühl von Zukunft. Doch wir Israelis sind selbst nach siebzig Jahren – und egal wie viele honigsüße patriotische Worte in den nächsten Tagen gesprochen werden – noch nicht dort angekommen. Wir sind noch nicht zu Hause. Israel wurde gegründet, damit das jüdische Volk, das sich so gut wie nie in der Welt zu Hause gefühlt hat, endlich ein Zuhause habe. Doch heute, siebzig Jahre später, mag das starke Israel eine Festung sein – ein Zuhause ist es noch nicht.

Die Lösung für die höchst komplexen Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern kann auf eine kurze Formel gebracht werden: Solange die Palästinenser kein Zuhause haben, werden auch die Israelis keines haben. Das Gegenteil ist genauso wahr: Wenn Israel kein Zuhause wird, wird es auch Palästina nicht. […]

Aber wenn Israel ein anderes Volk erobert und seit 51 Jahren unterdrückt hält, ein Apartheidsregime in den besetzten Gebieten schafft, dann ist es viel weniger geworden als ein Zuhause. Wenn Verteidigungsminister Lieberman friedensliebende Palästinenser von der Teilnahme an einer Zusammenkunft wie der unseren abzuhalten beschließt, ist Israel weniger als ein Zuhause. Wenn israelische Scharfschützen Dutzende palästinensische Demonstranten, die meisten davon Zivilisten, töten, ist Israel weniger als ein Zuhause. Wenn die israelische Regierung versucht, fragwürdige Deals mit Uganda und Ruanda zu improvisieren, damit das Leben von Tausenden Asylsuchenden gefährdet und diese ins Ungewisse ausweisen will, ist Israel für mich weniger als ein Zuhause. Und wenn unser Premierminister Menschenrechtsorganisationen diffamiert und gegen sie hetzt, wenn er versucht, Gesetze zu erlassen, die den Obersten Gerichtshof umgehen sollen, und wenn die Demokratie und die Gerichte permanent herausgefordert sind, wird Israel für jeden ein bisschen weniger als ein Zuhause. Wenn 1,5 Millionen palästinensische Bürger Israels vernachlässigt und diskriminiert werden, wenn das große Potential, das sie für ein gemeinsames Leben hier darstellen, praktisch aufgegeben wird, ist Israel weniger als ein Zuhause, für die Minderheit wie für die Mehrheit.“

 

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