Inge Günther: ein Rückblick auf 20 Jahre als Korrespondentin in Jerusalem

Inge Günther hat über zwanzig Jahre als Jerusalem-Korrespondentin für verschiedene deutsche Tageszeitungen gearbeitet, darunter vor allem für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau. Für ihre Berichte aus Israel und Palästina wurde sie mehrfach ausgezeichnet. 2017 erhielt sie den Journalistenpreis der Deutschen Initiative für den Nahen Osten (DINO). Seit 2018 arbeitet sie als „freie“ Journalistin in Berlin mit einem zweiten Standbein in Jerusalem. Inge Günther kam noch zu den Zeiten der Oslo-Verträge nach Jerusalem, in der es zwar bereits Desillusionen gab, der Friedensprozess dennoch als unumkehrbar galt. Ein Irrtum. Inzwischen herrscht auf politischer Ebene eisiges Schweigen vor. Intifada, Westbank-Sperrwall und Checkpoints haben auch die unsichtbaren Mauern aus Angst und Vorurteilen verstärkt. Die israelische Siedlungspolitik hat eine Zwei-Staaten-Lösung verbaut, die palästinensische Führung gespalten in zwei Lager.

Die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft Bremen e.V., das Israelisches Komitee gegen Hauszerstörung (ICAHD), der AK Nahost Bremen, das Bremer Friedensforum, das Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung (biz) und das Kairos Palästina Solidaritätsnetz Gruppe Bremen hattenFrau Günther am 25. Februar 2019 nach Bremen eingeladen, um über ihre Erlebnisse und Erfahrungen und vor allem ihre Einschätzungen aus dem Herzen des Nahost-Konflikts, aus Jerusalem, zu berichten. Die wieder sehr gut besuchte Veranstaltung fand wieder einmal in der gastlichen Villa Sponte zeitkultur e.V. statt.

Frau Günther erzählte anschaulich und mit großer Wärme von den Alltagsproblemen in dieser faktisch geteilten Stadt. Z.B. von dem Streit bei der Zulassungsstelle zwischen zwei jüdischen Autohändlern, der von dem dritten Händler, einem Palästinenser, geschlichtet wurde. Oder von den Fahrten in dem neuen umstrittenen Light-Rail, einer klimatisierten Straßenbahn, die auch durch Ost-Jerusalem fährt, wo sich „schläfengelockte Juden und palästinensische Kopftuchfrauen drängen, die sich mit verstohlenen Blicken gegenseitig taxieren.“ Auf der menschlichen Ebene hätte es am besten mit dem Frieden zwischen den verfeindeten Gruppen klappen können. Früher hätte es viele Kontakte zwischen Juden und Palästinensern gegeben. In Intellektuellenkreisen sei man sogar erpicht gewesen auf einen Austausch. Nicht wenige in ihrer Jerusalemer Bekanntschaften hätten es schick gefunden, das aufkeimende Nachtleben im nahe gelegenen Ramallah zu erkunden, mit dem besonders angesagten verrauchten Jazz-Club, wo zu später Stunde jüdisch-arabische Jam-Sessions das ebenfalls gemischte Publikum hinrissen.

Es waren diese Alltagsgeschichten, die den Vortrag von Inge Günther so interessant werden ließen, weil sie mit großer Sympathie und Vorurteilslosigkeit erzählt wurden. Die Dramatik der politischen Entwicklung, eine wahre Achterbahn-Fahrt während ihrer Jerusalemer Jahre, kam natürlich auch nicht zu kurz. 1996, als sie ihre Korrespondentinnentätigkeit in Jerusalem begann, habe der durch die Oslo-Verträge eingeleitete Friedensprozess noch für unumkehrbar gegolten. Auch auf privaten Partys in Westjerusalem seien palästinensische Gäste noch willkommen gewesen. Auf ihrem Anrufbeantworter habe sie die Anrufer mit „Schalom – Salam“, also auf hebräisch und arabisch begrüßt. Heute klinge das nur noch vorgestrig.

Leider hätten viele die Friedensgegner in Israel unterschätzt. Leider sei Schimon Peres, alias Mr. Peace, schließlich von Netanyahu abgelöst worden. Der dann folgende Wahnsinn mit den zwei Intifadas sei schwer auszuhalten gewesen. In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft hätten sich zwei palästinensische Attentäter in die Luft gesprengt. „Die Schreie der Verletzten, die Sekunden später einsetzenden Polizeisirenen klingen mir noch im Ohr. Ebenso die Rufe ‚Tod den Arabern‘, die bald darauf aufgebrachte Schaulustige skandierten.“

In ihrer langen Zeit habe sich immer mehr ein unguter Wandel vollzogen, hin zur Frontstadt, weg von der Vision einer friedlichen Zwei-Völker-Stadt. Nationalreligiöse Siedler und islamistische Eiferer würden Zulauf verzeichnen. Umso stärker geworden sei das Gefühl der Säkularen, einer dahinschwindenden Minderheit anzugehören. Viele israelische Bekannte, die einen liberalen Lebensstil bevorzugen würden statt vom Bau eines neuen jüdischen Tempels zu träumen und die die Besiedlung des Westjordanlandes nicht als quasi göttliches Gebot rechtfertigten, sondern die Besatzungspolitik zumindest als Problem wahrnehmen würden – sie hätten Jerusalem den Rücken gekehrt und seien nach Tel Aviv gezogen.

Viele Palästinenser würden zwar noch zum Arbeiten oder Einkaufen in die Weststadt gehen, aber Treffen mit Israelis seien inzwischen verpönt. Dialog werde schnell als Normalisierung mit den Besatzern abgestempelt. Dabei verberge sich hinter den radikalen Slogan der Palästinenser eigentlich nur die Ohnmacht der arabischen Bewohner angesichts der rapide gewachsenen jüdischen Siedlungen, die Ost-Jerusalem immer mehr einschnüren würden. Entgegenzusetzen hätten sie dem nur ihre trotzige Abwehrhaltung – Sumud, (Standhaftigkeit), was ausdrücken solle, „uns kriegt ihr hier nicht weg“.

Frau Günther bekundete in ihrem Vortrag ihre Bewunderung für die israelische Friedensbewegung, namentlich „Breaking-the-Silence“ und „B’Tselem“, die zwar zur Zeit keine große politische Bedeutung hätten, aber weiterhin sehr aktiv seien.

Der Vortrag von Inge Günther kann vollständig in dem Video angesehen werden. Die sehr ausführliche und natürlich sehr interessante Diskussion im Anschluss, bei der viele weitere Aspekte zur Sprache gebracht wurden, kann leider nicht gezeigt werden.
Sönke Hundt