Avi Primor in Bremen: „… und nicht gleich ‚Antisemitismus!‘ schreien. Das ist doch wahnsinnig“!

Avi Primor war Israels Botschafter in Deutschland von 1993 bis 1999. Er sprach am 21. Mai 2015 im Festsaal der Bremischen Bürgerschaft auf Einladung der Senatskanzlei und anlässlich des 50. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen über „Der israelisch-deutsche Dialog – heute, gestern, morgen“. Avi Primor wurde 1933 als Sohn eines niederländischen Einwanderers in Israel geboren. Vielleicht rührte daher seine unnachahmliche Art, mit großer Leichtigkeit und Freundlichkeit über die so schwierigen Beziehungen zwischen Juden, Israelis, Arabern, Palästinensern und den Deutschen zu reden. Immer anschaulich, immer lebendig und mit vielen Geschichten aus seiner Familie und aus seiner Tätigkeit als Diplomat der höchsten Ebene. Vor allem aber und überaus wohltuend: so völlig unpathetisch. Am besten, man hört sich den Audio-Mitschnitt an. Dann bekommt man den lockeren und völlig unangestrengten Tonfall des alten Pragmatikers am besten mit.
audio-Mitschnitt Teil 1
audio-Mitschnitt Teil 2

Christian Weber, der Präsident der Bürgerschaft als Gastgeber des Abends, klang da in seiner Begrüßung ganz anders, ganz wie der mit Schuld beladene und deswegen jetzt bedingungslos philosemitische Deutsche. Seine Stimme bebte vernehmbar, als er daran erinnerte, wie Angela Merkel 2008 vor der israelischen Knesset von der „deutschen Staatsraison“ und von der „historischen Verantwortung“ gesprochen habe, die „niemals verhandelbar“ sein dürfe. Dass 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz auf deutschen Straßen wieder Parolen wie „Juden ins Gas“ auftauchen würden, wäre eine Schande und unerträglich. Christian Weber zitierte mit großer Empörung aus „jüngeren Umfrageergebnissen“, wonach ein Fünftel bis ein Drittel der Deutschen antisemitisch eingestellt sei.

Sympathie der Deutschen für Israel – oder „Was heißt Antisemitismus“?

Das sah Avi Primor wohl etwas anders. Entweder hatte er andere Umfragen über die Meinungen der deutschen Bevölkerung über Israel gelesen oder er interpretierte sie anders. Es sei richtig, die Beziehungen zwischen den Ländern Israel und Deutschand seien gefährdet. Zwei Drittel der Deutschen hätten ihre Sympathie für Israel in den letzten Jahren verloren. „Aber warum haben sie sie verloren?“, fragte Primor. Seine Antwort: „Natürlich wegen der israelischen Politik, wegen der israelischen Politik in den besetzten Gebieten, gegenüber den Palästinensern, wegen der Besatzung, dem Siedlungsbau und allem, was man aus diesem Bereich hört.“ Nicht nur bei den Deutschen seien die Sympathiewerte gesunken, auch bei den anderen Europäern und bei den Amerikanern.

„Wir brauchen infolgedessen“, so Primor weiter, „mit den Deutschen einen offenen und ehrlichen Dialog. Ich plädiere dafür, dass die Deutschen ein bißchen weniger Hemmungen haben und mit uns offen und ehrlich sprechen. Nur das heißt Freundschaft. Die Freundschaft kann nur aufrecht erhalten werden, wenn man Kritik äußert, wenn die Kritik gerechtfertigt ist. Und unsere Pflicht ist es dann, wenn wir diese Kritik für ungerecht halten, uns mit dieser Kritik auseinander zu setzen. Ehrlich auseinander zu setzen. Wir müssen uns bemühen, die Thesen der Kritik zu widerlegen, sachlich zu widerlegen, und nicht zu schreien ‚Antisemitismus!‘. Das ist Wahnsinn! Was heißt Antisemitismus? Wenn man uns kritisiert?“

Die Israelis würden heute tatsächlich am Pranger der öffentlichen Meinung stehen. Aber sie wären nicht die ersten. Die Franzosen hätten weltweit am Pranger gestanden wegen des Algerienkriegs, oder die Griechen wegen ihrer Obristendiktatur in den 70er Jahren oder die Amerikaner während des Vietnamkrieges. „Aber“, so Primor wörtlich, „das war kein Rassismus, kein anti-französischer oder anti-griechischer oder anti-amerikanischer Rassismus. Das war eine gezielte Kritik gegen eine bestimmte Politik. Und sobald diese Politik beendet war, es keinen Algerienkrieg, keine Militärdiktatur in Griechenland und keinen Vietnahmkrieg mehr gab, war natürlich auch die Kritik verschwunden. Weil das eine gezielte Kritik war. (…) Die Kritik gegen Israel heute ist nicht unbedingt, bei den meisten Kritikern jedenfalls nicht, eine Kritik gegen den Staat Israel, auch nicht eine Kritik gegen das Volk Israel. Es ist eine Kritik gegen eine bestimmte Politik, und die wird verschwinden, sobald diese Politik verschwindet.“ Israel sei auch keine ängstliche und schutzlose Gemeinde mehr, eingesperrt in ein Ghetto. „Das sind wir schon längst nicht mehr. Wir sind ein mächtiger Staat im Nahen Osten und wir können es uns leisten, auch Kritik zu hören.“

Sympathie der Israelis für die Deutschen

Während – so Primor – zwei Drittel der Deutschen ihre Sympathie für Israel verloren hätten, sei umgekehrt geradezu das Gegenteil wahr. Zwei Drittel der Israelis seien nämlich – ebenfalls nach Umfragen – heute der Meinung, dass Deutschland das sympathischste Land weltweit und die Deutschen die sympathischsten Menschen seien. Und je jünger die Befragten, desto deutschfreundlicher die Antworten. Ob das so stimmt und ob das von Seiten des alten und erfahrenen Diplomaten mehr waren als Streicheleinheiten für seine deutschen Zuhörer? Jedenfalls hat er es so gesagt und die zigtausend jungen Israelis, die offenbar ganz gern z. B. in Berlin leben, sprechen für diese Einschätzung.

„Wir können nicht ewig Besatzer sein!“

Während der lebhaften Diskussion im Anschluss an die Rede wurde an Avi Primor schließlich auch diese Frage gestellt: „Ist der Frieden möglich?“ Avi Primor gab darauf zwei Antworten:

Erstens
sei das auf der persönlichen Ebene und trotz des Hasses auf beiden Seiten, ohne den keine Kriege geführt werden könnten, möglich. Er selbst würde das in seinem seit acht Jahren praktizierten trilateralen Projekt mit Juden, Palästinensern und Jordaniern immer wieder erleben können. Nach dem letzten und gemeinsamen Jahr, das die Studenten auf dem Campus in Düsseldorf verbringen würden, sei die wichtigste Frage nach Abschluss des Studiums nicht mehr die nach den politischen und ideologischen Gegensätzen, sondern die nach einem möglichen Wiedersehen. Die Alumni-Treffen der Absolventen würden immer jedenfalls immer beliebter.

Zweitens
wäre auf der Ebene der Staaten allerdings der Frieden – trotz aller Lippenbekenntnisse – lange Zeit tatsächlich unmöglich gewesen. Auf beiden Seiten unmöglich. 1947, als die Vollversammlung der Vereinten Nationen das Ende des britischen Mandats verkündet hatte und das Land Palästina in zwei Teile aufgeteilt wurde, „waren wir davon begeistert und haben auf die Hälfte, die man den Palästinensern angeboten hatte, echt und ehrlich verzichtet, für ewig, für immer. Aber im Sechs-Tage-Krieg 1967, als wir das Westjordanland eroberten, ah, sagten da die Israelis, Moment, Moment, jetzt sieht alles ganz anders aus. Das Westjordanland, das ist doch unser Kernland. Lesen sie mal die Bibel, da werden sie sehen, wo eigentlich die alten Israelis lebten. Nicht in Tel Aviv, nicht an der Küste, sondern im Westjordanland. Jetzt, wo wir das erobert haben, werden wir nie wieder darauf verzichten. Und die Orthodoxen unter uns sagten, das wäre doch die göttliche Verheißung, und wir hätten nicht einmal das Recht, darauf zu verzichten. Wenn fast alle Israelis meinen, dass wir nie wieder auf das Westjordanland verzichten werden, dann ist Frieden unmöglich geworden. Frieden mit wem? Mit den Palästinensern? Mit einem palästinensischen Staat? Wo soll denn ein Palästinenserstaat entstehen, wenn nicht im Jordanland? Wo sonst?“ Bei den Arabern wäre es quasi umgekehrt gewesen; ein jüdischer Staat hätte nicht existieren sollen.

Bei den Arabern habe sich die Einstellung mit Sadat und seiner Rede vor der Knesset im Jahre 1977 schließlich geändert. Und bei den Israelis auch. Das Westjordanland gehöre zwar uns, den Juden, „aber das ist nicht machbar, das ist nicht realisierbar. Dort lebt eine andere Bevölkerung. Und wir können nicht ewig Besatzer sein. Wir können nicht ewig über eine andere Bevölkerung herrschen. Dürfen wir nicht, können wir nicht. Und damit ist Frieden möglich geworden, auf der arabischen Seite, die sich mit der Realität abfindet und auf der israelischen Seite genau so. Eine Mehrheit findet sich mit dieser Realität ab, und eine Minderheit gibt es, die sich mit der Realität nicht abrfindet.“

„Die Deutschen sind immer noch befangen“

Aber, so Avi Primor am Schluss seiner mit viel Beifall aufgenommen Rede, die Bevölkerung in Israel müsse die eigene Regierung dazu drängen, echte Verhandlungen zu führen. Denn „die heutige Regierung will keine echten Verhandlungen führen.“  Die israelische Bevölkerung müsse aber auch und glaubhaft davon überzeugt werden, dass sie in Sicherheit leben könne. Diese Sicherheitsgarantien aber, so Primor, könnten nur von außen kommen. Nur so könne man die Sicherheit der Israelis nach der Gründung eines palästinensischen Staates gewährleisten.

„Und warum macht man das heute nicht? Die Amerikaner haben Angst vor ihrer Innenpolitik. Die Europäische Union zögert. Und warum zögert sie? Ausschließlich wegen Deutschland. Die anderen europäischen Länder sind bereit. Aber die Deutschen, wenn es um Israel geht, sind immer noch befangen. Und da haben Sie“, damit machte Avi Primor dann Schluss und wandte sich direkt an seine deutschen Zuhörerinnen und Zuhörer, „noch ein Argument gegen die Befangenheit der Deutschen“.

Das, was der alte israelische Diplomat, der inzwischen viel in Deutschland unterwegs ist und mit Kritik an seiner eigenen Regierung nicht spart, so zu sagen hat, müsste den unbedingten Israel-Verteidigern in der Senatskanzlei und in der Deutsch-israelischen Gesellschaft eigentlich in den Ohren klingen. Es war so wohltuend und entspannend zu lesen und zu hören, wie er völlig nüchtern und ohne Illusionen über den Friedensprozess im Nahen Osten sprach und mit leichter Hand über die deutsche „Befangenheit“ spottete, die dazu führe, dass immer und immer wieder der schlimme Vorwurf des Antisemitismus mit einer gezielten Kritik an der israelischen Regierung verquickt wird. Und der Israel überhaupt nicht weiter hilft.
Sönke Hundt

Nachbemerkung:
Anlässlich des Besuches von Avi Primor in Bremen brachte der Weserkurier am 23.05.15 ein ausführliches Interview. Primor antwortete auf die Frage „Wo hört in Deutschland berechtigte Kritik an der israelischen Regierung auf und fängt Antisemitismus an?“ so:
„Natürlich gibt es Antisemiten, die die Kritik, die heute gegen die israelische Politik geäußert wird, für ihre Thesen nutzen. Das ist eine gute Deckung. Viele Kritiker in Deutschland und auch anderswo sind aber die besten Freunde Israels. Doch natürlich ist es sehr bequem für diejenigen, die die Kritik nicht hören wollen, zu sagen: Das ist alles antisemitisch. Denn wenn man das sagt, meint man, dass die Kritik nicht rational ist – man muss sie nicht ernst nehmen und sich nicht damit auseinandersetzen. Man kritisiert uns nicht, weil wir etwas Falsches tun, sondern weil wir so geboren sind. Dazu kann man nichts sagen – sehr bequem. Natürlich ist das langfristig verheerend.“

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