Mit terroristischer Präzision. In »Methode und Wahnsinn« schildert Norman Finkelstein die Massaker der israelischen Armee im Gazastreifen

Von Felicia Langer
Norman Finkelstein analysiert in seiner jüngsten Buchveröffentlichung die Hintergründe der Angriffe der israelischen Armee auf Gaza. Er schildert die drei Massaker, die Israel in den letzten fünf Jahren verübt hat: die Operationen »Gegossenes Blei« von 2008/2009, »Säule der Verteidigung« von 2012 und »Fels in der Brandung« von 2014. Er beschreibt auch, wie Israel 2010 beim Abfangen der »Mavi Marmara«, eines mit Hilfsgütern für Gazas notleidende Bevölkerung beladenen Schiffes, acht ausländische Staatsbürger tötete.

Ethan Bronner, Nahost-Korrespondent der New York Times, war mit Blick auf israelische Quellen zu dem Schluss gelangt, dass das übergeordnete Ziel Israels die Wiederherstellung der Abschreckungsfähigkeit gewesen sei. Finkelstein zitiert israelische Kommentatoren und folgert, dass Israel sich mit den Gaza-Überfällen und der Bombardierung Libanons 2006 vorgenommen hatte, »den Libanon um 20 Jahre zurückzuwerfen«, und sich darüber freute, »dass es gelungen sei, Gaza in die vierziger Jahre zu katapultieren«.

Israel hatte es also darauf abgesehen, den Palästinensern eine blutige Lektion zu erteilen: Wir können euch angreifen und schlagen, wie wir wollen, ohne Rücksicht auf Völkerrecht und Genfer Konventionen. Außerdem verschärfte es seine Blockade von Gaza. Mary Robinson, von 1997 bis 2002 UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, bekundete ihr Entsetzen über die Auswirkungen des Embargos: »Gazas gesamte Zivilisation wurde vernichtet, das kann ich ohne Übertreibung sagen.«

In dem Kapitel »Bestrafen, Erniedrigen und Terrorisieren (2011)« befasst sich Finkelstein mit der Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrates zu den Vorwürfen von Kriegsverbrechen während der Operation »Gegossenes Blei«, der sogenannten Goldstone-Kommission. Ihr Leiter und Namensgeber Richard Goldstone war u. a. Richter am südafrikanischen Verfassungsgericht. Zwar machte er später unter massivem Druck einen Rückzieher und distanzierte sich von dem Bericht, aber seine Kollegen in der Untersuchungskommission bestehen weiterhin auf der Richtigkeit der Ergebnisse, die Israel schwer belasten.

 

Die israelische Operation »Säule der Verteidigung« nahm am 14. November 2012 ihren Anfang. Dieses Mal wurde die Absicht nicht verschwiegen: Israel wollte offiziell seine Abschreckungsfähigkeit wiederherstellen. Weil die Me­dien stets dabei waren, wurden die Angriffe beschränkt. Während des achttägigen Angriffes wurden rund 70 palästinensische Zivilisten getötet – sogenannte Kollateralschäden. Der israelische Angriff wurde mit einer Waffenruhe beendet, die Notwendigkeit einer Aufhebung der Gaza-Blockade war kein Thema.

Die Operation »Fels in der Brandung« begann am 8. Juli 2014. Kurz zuvor hatten sich die Fatah um den Präsidenten der Autonomiebehörde in Ramallah, Mahmud Abbas, und die in Gaza regierende Hamas auf eine Einheitsregierung geeinigt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nahm dies als Vorwand, Gaza mit Tod und Zerstörung gewaltigen Ausmaßes zu überziehen. Er setzte seine Truppen für eine Bodenoffensive in Marsch. »Ich habe noch nie so massive Zerstörungen gesehen«, sagte Peter Maurer, Präsident des Internationalen Roten Kreuzes. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte: »Das gewaltige Ausmaß von Tod und Zerstörung in Gaza hat die Welt schockiert und beschämt.« Dennoch hatte das Weiße Haus offensichtlich Netanjahu freie Hand gegeben, Gaza ein weiteres Mal in Schutt und Asche zu legen.

Der Autor schreibt: »Die Operation Fels in der Brandung zog sich noch drei Wochen hin, nachdem Benjamin Netanjahu das Ende der Bodenoffensive verkündet hatte. Er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, der Hamas eine Niederlage beizubringen, indem er sie zermürbte – mit gewaltigem Luftbombardement, einer Unzahl ziviler Opfer und Mordanschlägen auf hohe Hamas-Militärs. Weil die westlichen Medien ihre Aufmerksamkeit nach der Enthauptung eines US-amerikanischen Journalisten dem ›Islamischen Staat‹ zuwandten und das Gaza-Massaker im Nachrichtenbetrieb so behandelt wurde, als gäbe es darüber wenig Spannendes oder Neues zu berichten, war Israel imstande, sich wieder seinen terroristischen Präzisionsschlägen zu widmen, und zwar mit größerer Unbekümmertheit denn je: Mehrstöckige Wohnhäuser wurden, als wär’s ein Videospiel, dem Erdboden gleichgemacht, wobei man sich nicht einmal sonderlich Mühe gab, sie als legitime militärische Ziele darzustellen.« Dessenungeachtet setzte die Hamas ihren Beschuss Israels fort, wodurch weitere israelische Zivilisten ums Leben kamen. Am 26. August 2014 trat eine Waffenruhe in Kraft. Als das Massaker vorüber war, hatte Israel 2.200 Palästinenser getötet, zu 70 bis 75 Prozent Zivilisten.« Der Gazastreifen ist mittlerweile ein Trümmerfeld. Die UNO prognostizierte im September 2015, spätestens 2020 werde Gaza unbewohnbar sein. Gleichwohl wurde Netanjahu im vergangenen Jahr von den USA mit einer Verdopplung der Militärhilfe für Israel belohnt. Sein Wahnsinn hat demnach Methode.

Im Gegenzug fragt Finkelstein: »Wenn eine Million Gaza-Kinder einen Demonstrationszug anführten, (…) was, wenn die unzähligen Palästina-Unterstützer zu Hunderttausenden aus aller Welt kämen, um gleichzeitig die Hauptquartiere der Vereinten Nationen in New York und Genf zu umzingeln und lahmzulegen?« Gegen breitangelegten gewaltfreien Widerstand spreche höchstens, dass man ihn noch nicht versucht habe. »Hat er wenigstens eine Chance verdient?« so die rhetorische Frage des Autors am Ende des fesselnden Buches.

Norman Finkelstein: Methode und Wahnsinn. Die Hintergründe der israelischen Angriffe auf Gaza. Laika-Verlag, Hamburg 2016, 152 S., 19 Euro

Quelle (mit frendlicher Genehmigung): junge Welt v. 26.04.16

 

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