Warum ich, als stolze Israelin, möchte, dass die Welt uns boykottiert

Schweren Herzens bitte ich meine Mitbürger, sich an die Spitze des internationalen Boykotts zu stellen, weil unser Land ansonsten verloren ist.

Von Ilana Hammerman

„Boykottaufrufe aus politischen Gründen stellen ein legitimes Mittel dar, das unter den Schutz der Meinungsfreiheit fällt“- so stellte es kürzlich ein Leitartikel in Haaretz klar. („Eintritt für Kritiker verboten“, 17. 1. 2017) Dies wurde geschrieben, nachdem der Innen- und Umweltausschuss der Knesset die zweite und dritte Lesung einer Gesetzesvorlage gebilligt hatte, die die Ausstellung eines Visums oder einer Aufenthaltsgenehmigung für Ausländer untersagt, die zum Boykott Israels oder der Siedlungen [in den besetzten Gebieten] aufrufen.

Ich berufe mich daher auf diese autoritative Feststellung von Haaretz, um israelische Bürger, die sich dem Friedenslager zurechnen, aufzurufen, die internationale Gemeinschaft zu bitten, Israel mit einem Boykott zu belegen.

Ich bin keine Ausländerin, und ich wende mich mit meiner Bitte auch nicht an Ausländer. Ich weiß nicht, ob ich damit gegen irgendeines der undemokratischen, illegitimen Gesetz verstoße, die verabschiedet wurden, um mir und denen, die meine Meinung teilen – sie alle sind Israelis – die Meinungsfreiheit zu verwehren und unsere humanen und politischen Bemühungen zurückzuweisen, aktiv zu werden.

Eines allerdings weiß ich: mit Herz und Seele bin ich diesem Land verbunden, wo ich vor 72 Jahren geboren wurde, dem ich meine besten Jahre in beruflicher wie gesellschaftlicher Hinsicht gewidmet habe und von dem mich loszureißen ich nicht gewillt bin. Ehrlich gesagt: ich habe kein anderes Land.

Als eine israelische Bürgerin und eine Frau, die sich gesellschaftlich engagiert, stelle ich fest, dass der Staat mein grundlegendes Recht, im Einklang mit meinem Gewissen zu leben, nicht respektiert. Das Judentum, das er mir aufzuzwingen versucht, ist nicht mein Judentum. Darüber hinaus wird der nationalistische und rassistische Fanatismus der Regierung (angeführt von den Ministern des Inneren, der Kultur und der Erziehung) zunehmend extremer und steht in völligem Gegensatz zu den Werten, die mir die teuersten sind. Diese Missstände sind eine innere Angelegenheit der israelischen Gesellschaft, und ich habe das Recht – und zumindest vorerst noch die Möglichkeit – von daher für ihre Korrektur zu kämpfen.

Intervention erforderlich

Die Tatsache allerdings, dass Israel unentwegt die Grundsätze des humanitären Völkerrechts verletzt, rechtfertigt auch die Intervention der internationalen Gemeinschaft.

Diese Grundsätze wurden nicht etwa entwickelt, damit jedes Land und seine Bürger mit ihnen nach Gutdünken verfahren. Sie wurden niedergelegt infolge von Lehren, die aus dem 2. Weltkrieg gezogen wurden, in dessen Verlauf Millionen Menschen getötet, verhaftet, aus ihren Heimen vertrieben und ausgewiesen wurden. Sie zielten darauf ab, Bevölkerungen in besetzten Gebieten zu schützen und Schaden von ihnen abzuwenden.

Israel hat das Westjordanland unter seiner Gewalt und kontrolliert das Schicksal von Millionen seiner arabischen Bewohner durch Besatzungsrecht und Militärregierung. Auf diese Weise verletzt es alle grundlegenden Prinzipien dieser Abkommen. Es siedelt seine Bürger in den Gebieten an und zerstört dort das Eigentum von Einzelnen und Gemeinden. Es enteignet öffentliche und private Ländereien nach seinen eigenen Bedürfnissen und denen seiner Siedler. Und es verhängt regelmäßig und systematisch kollektive Strafmaßnahmen gegen die Palästinenser. Es schränkt ihre Bewegungsfreiheit und ihre zivilen Aktivitäten ein und kerkert Zehntausende ein in Gefängnissen auf seinem Hoheitsgebiet: etwa eine Million Palästinenser sind seit 1967 auf der Basis von Militärrecht oder sogar ohne Verfahren inhaftiert worden.

All diese Verletzungen der Menschenrechte sind nicht etwa in Kriegszeiten oder im Verlauf von ein oder zwei Jahren geschehen, sondern während 50 (der annähernd 69) Jahren von Israels Existenz. Man muß kein Rechtsanwalt oder Militärexperte sein um zu verstehen, dass es für diese systematische Politik keinerlei rechtliche oder sicherheitspolitische Rechtfertigung gibt: offene Augen und der gesunde Menschenverstand reichen aus um zu begreifen, dass sie von ideologischen Motiven angetrieben wird – seien sie versteckt und irreführend wie früher oder unumwunden und kaltschnäuzig wie gegenwärtig.

Und daher habe ich, als israelische Bürgerin und als Frau, die sich im gesellschaftlichen Leben engagiert, es seit Langem als mein Recht und als meine Pflicht angesehen, die Augen aufzumachen und hinzuschauen – und diese illegalen Anschläge auf Leben, Besitz, Würde und Freiheit der Menschen zu bezeugen, die mein Land und seine Soldaten, seine Behörden und Beamten nur wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt verüben.

Und in den letzten Jahren habe ich es auch – angesichts der Gleichgültigkeit der meisten israelischen Bürger – als mein Recht und meine Pflicht angesehen, zur Übertretung von Verordnungen und Gesetzen aufzurufen, die bei der Durchführung dieser Übergriffe involviert sind. Ich missachte diese Anordnungen und Gesetze auch selbst: Ich besuche z. B. Palästinenser in den besetzten Gebieten, trotz der roten Schilder, die es mir verbieten, und gelegentlich schmuggle ich einen palästinensischen Arbeiter zu seinem Arbeitsplatz, eine Frau und ihre Kinder zum Strand oder Familienmitglieder zu einem Verwandten, der in einem israelischen Krankenhaus liegt.

Aber während ich all dies aus vollem Herzen gerne mache – aus politischen und moralischen Gründen und dem Wunsch, verfolgten Menschen in Not zu helfen -, tue ich mich gefühlsmäßig doch äußerst schwer, Israelis aufzurufen, die internationale Gemeinschaft zu bitten, einen Boykott zu befürworten. Ich mache dies allein aus politisch-pragmatischen Gründen.

Denn Israel ist nicht das Land, das es am meisten verdient, mit einem Boykott belegt zu werden. Im 20. und 21. Jahrhundert gab und gibt es Sünder, die hundertmal schlimmer sind. Einige der scheußlichsten Gräueltaten der Neuzeit wurden von einer Reihe europäischer Staaten in ihren asiatischen und afrikanischen Kolonien mit Schlächtereien, Unterdrückung und Besatzung verübt. Und die Sowjetunion hat innerhalb ihrer eigenen Grenzen Millionen von Menschen durch Mord, Hunger und Folter ausgelöscht. Andere Gräueltaten wurden von den Vereinigten Staaten begangen, die die Atombombe auf Japan abwarfen und chemische Waffen in Vietnam einsetzen.

Und wenn es heute bloß möglich wäre, Sanktionen gegen China wegen seiner grausamen Verletzungen der Menschenrechte zu verhängen und gegen Russland wegen seiner barbarischen Einmischung in Syrien, sollte dies geschehen. Aber es ist nicht machbar. Es handelt sich um Großmächte, von denen die Welt abhängig ist und nicht umgekehrt.

Israel dagegen ist ein Staat, dessen Wirtschaft von der Welt und ihrem Verhalten abhängt. Ein Wirtschaftsboykott – oder zumindest Sanktionen, wie sie gegenüber dem Iran verhängt wurden – dürfte seine Politik mit Sicherheit beeinflussen. Wegen der Beeinträchtigung des alltäglichen Lebens würde er sogar die öffentliche Meinung beeinflussen, so dass die Menschen endlich über die Wirklichkeit nachdenken müssten, in der sie leben – wenn schon nicht über die aktuellen Ungerechtigkeiten, dann zumindest über das Pulverfass, auf dem sie leben, und in das sie unaufhörlich Funken schlagen.

Der Weg zu einer friedlichen Lösung ist im Grunde geebnet, weil es gleichgültig ist, wo genau die Gerechtigkeit in diesem Konflikt liegt. Zweifellos liegt die größere Stärke bei Israels militärischer Macht, nicht bei den Palästinensern mit ihren Messerangriffen und Lastwagenattacken. Israel ist die die Realität vor Ort bestimmende Seite, die sie ständig unwiderruflich verändert.

Aber es ist angemessen, dass der Boykottaufruf von innerhalb Israels kommt – von jenen braven Bürgern, die hier leben und sich ängstigen um ihr und ihres Landes Schicksal. Ja, um das Schicksal ihres Landes, nicht um das der Palästinenser – ihr physisches und auch ihr moralisches Schicksal, das jetzt in den Händen politischer Kräfte liegt, die es in den Untergang treiben.

Ja, diese Bürger sind brav, und es sind viele, selbst wenn sie in der Minderheit sind und das Regime ihr Land mit der Unterstützung der Mehrheit seiner Bewohner führt, die dieses Regime demokratisch gewählt haben.

Die Minderheit muss jedoch diese Demokratie nicht respektieren. Denn nirgendwo auf der Welt garantiert eine Mehrheitsentscheidung eine wirklich demokratische Regierung, und dies ganz gewiss nicht dort, wo sie das Schicksal von Millionen Menschen bestimmt, die nicht gleichberechtigte Partner sind, wo sie, schlimmer noch, auf eine Katastrophe zusteuert.

In der Tat können diese Bürger ein solches Unheil bereits über ihren Häuptern schweben sehen. Hinweise darauf lassen sich z. B. in den zahllosen Artikeln finden, die in Haaretz geschrieben werden: „Wappnet euch“, legen sie ihren Lesern nahe. „Geht auf die Straßen“, bitten sie – als wenn die Straßen uns immer noch gehören würden.

Aber dies sind leere Worte. Es scheint, wir sind nicht geboren, uns zu wappnen angesichts einer gewaltbereiten Öffentlichkeit. Also, mobilisieren wir Zivilcourage, und gehen wir an die Öffentlichkeit mit einem ruhigen, nüchternen Aufruf an die internationale Gemeinschaft, über Israel einen Wirtschafts-Boykott zu verhängen. Ja, über den Staat Israel, nicht nur über die Siedlungen, denn schon seit Langem gibt es keine zwei Wirtschaftssysteme mehr: über die Grüne Linie hinweg (die Grenze von vor 1967) existiert nur eine einzige Wirtschaft.

Lasst uns dies mit einem einzigen einfachen Wunsch tun: unsere Existenz an diesem Ort zu sichern. Denn das ist es, worum es im Kern geht – unsere Existenz, unser Leben. Ansonsten wird es für uns ein Leben nicht mehr lange geben – für uns, die wenigen Millionen in einer Umgebung von Dutzenden Millionen, in der unsere Führer entschieden haben, dass wir für immer mit dem Schwert leben müssen.

Wenn der Schrei zur Rettung Israels aus unseren Mündern kommt, laut und klar und wohlbegründet, wird es jene geben, die ihn hören, obwohl wir nur eine Minderheit sind.

Kein vernünftiger Mensch könnte uns des Antisemitismus und des Israelhasses bezichtigen. Schließlich sind wir Juden und Israelis, und als Juden und Israelis möchten wir hier bleiben – um zu leben, nicht um zu sterben.

Quelle: Haaretz v. 29.01.2017

(Übersetzung: Jürgen Jung)

„Ilana Hammerman hat sich als vielfach ausgezeichnete Übersetzerin deutscher und französischer Literatur einen Namen gemacht; als Verlegerin und Publizistin wie auch in ihrem Privatleben sucht sie eigene – und nie bequeme – Wege.“ (NZZ)

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