Peter Ullrich über Antisemitismus und Antisemitismusdebatten

Am 12. Juni 2017 fand im Konsul-Hackfeld-Haus die letzte Veranstaltung der Reihe „50 Jahre israelische Besatzung“ statt. Der AK Nahost Bremen hatte Ullrich mit Bedacht eingeladen, steht der bekannte Antisemitismusforscher doch in dem Ruf, in dieser eigentlich immer heftiger und emotionaler werdenden Debatte für Differenzierung, für Versachlichung und für einen verständnisvolleren Umgang miteinander zu werben. Ullrich ist bekannt dafür, dass er sich mit diversen Antideutschen, dem American Jewish Committee und der Antonio-Amadeo-Stiftung schon regelrecht „gefetzt“ hat, als sie seine  Studie (zusammen mit Michael Kohlstruck) über „Antisemitismus als Problem und Symbol“ (Berlin 2015, 130 Seiten, hier vollständiger download) heftig attackierten und er sich entsprechend gegen die diversen Vorwürfe zur Wehr setzte.

Ullrich konstatiert, dass Antisemitismusdebatten im öffentlichen Diskurs hoch umstritten sind. Am einen Pol würden viele vor einer Bedrohung durch den Antisemitismus, der an Ausmaß und Intensität zunähme, warnen. Am anderen Pol wiederum fühlten sich viele diffamiert von einem zu häufig und zu Unrecht geäußerten Antisemitismus-Vorwurf. Wie Ullrich sich in diesem Streit positioniert, wie er versucht, die Debatten und die Debattenteilnehmer regelrecht nach ihren Voraussetzungen, nach den jeweiligen Rede-Situationen und natürlich dem ganzen Apparat von implizit vorhandenen Ideologien und Vorurteilen zu sezieren – das versuchte er, in seinem faszinierenden Vortrag deutlich zu machen. Ob ihm das immer gelungen ist, sei hier dahingestellt, bediente er sich doch eines sehr elaborierten um nicht zu sagen schwierigen Jargons, der an die Verständnisfähigkeit des Publikums hohe Anforderungen stellte. Aber – einfacher sei eine Analyse, die bis in die kleinsten Verästelungen hinein differenziert, eben nicht zu haben.

Seine Untersuchungs- und Befragungsmethoden sowie seine Interpretationen können hier natürlich nicht referiert, aber in der Video-Aufzeichnung (80 Minuten) gut nachvollzogen werden.

Die etwa 40 Zuhörer und Zuhörerinnen warteten ungeduldig darauf, endlich in die Diskussion einsteigen zu können. Hier wurde deutlich, dass Peter Ullrich sozusagen an diesem Abend keinen großen Drang verspürte, in die eher politischen Dimensionen der Anti-Antisemitismusdebatten einzusteigen: nämlich der immer offensichtlicher werdenden Strategie der israelischen Regierung, jegliche Kritik an der Besatzung und der Besiedlung der palästinensischen Gebiete als antisemitisch zu diffamieren, oder an der Politik der hiesigen „unbedingten Israelfreunde“, der so notwendigen Diskussion auszuweichen und durch Verweigerung von Räumen bzw. Kündigung von schon abgeschlossenen Mietverträgen zu verhindern. Wir in Bremen können ja ein Lied davon singen.

Wie politisch aufgeladen die Debatte ist, zeigt einmal mehr die groß angelegte Kampagne des Springer-Verlages, den bislang bei ARTE nicht gezeigten Film über Antisemitismus in Europa am 13. Juni 2017 für 24 Stunden (ohne Rücksicht auf Urheberrechte) auf ihrer online-Plattform zu zeigen. Über das Event wurde in (fast) allen Medien prominent berichtet und sich pflichtschuldig und mit viel Pathos über diesen skandalösen Fall von Einschränkung der Meinungsfreiheit empört. Peter Ullrich äußerte übrigens Verständnis für die Entscheidung der ARTE-Redaktion. Mehr darüber hier.
Sönke Hundt

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