Neu: Jewish Antifa Berlin

Die Jewish Antifa Berlin organisiert Protest gegen die Besatzungspolitik und will der jüdischen Linken wieder Gehör verschaffen. Ein Gespräch mit Sivan Berkman (Sivan Berkman stammt aus Haifa und ist Sprecherin der Jewish Antifa Berlin)

Sie haben sich als dezidiert jüdische antifaschistische Gruppe in Deutschland gegründet. Was hat Sie dazu veranlasst?

Wir sind vor allem Israelis, stammen aber auch aus Deutschland oder den USA. Viele von uns sind zudem auch in anderen Gruppen aktiv. Wir hatten das Gefühl, dass wir uns als jüdische Gruppe organisieren sollten: zum einen, um den vielen Einwanderern aus Israel, die immer noch fremd in der hiesigen Linken sind, einen Anlaufpunkt für politische Arbeit zu bieten. Aber zum anderen auch, um Positionen der israelischen Linken gemeinsam in die deutsche Debatte tragen zu können.

In Ihrem Gründungstext schreiben Sie, der »palästinensische Kampf für Befreiung, Freiheit und Gerechtigkeit« solle weltweit »im Zentrum linker Debatten« stehen. Das gelte speziell für Deutschland.

Der sogenannte Israel-Palästina-Konflikt steht ja schon im Zentrum linker Debatten. Nur wird die palästinensische Perspektive kaum beachtet. Die Debatte kreist rechthaberisch um den innerdeutschen Diskurs, ohne dass über die Lebensrealität der Bevölkerung in Palästina nachgedacht wird. Darum erklären wir uns auch solidarisch mit dem Aufruf zu »Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen«, auch BDS genannt, gegen den Staat Israel. Wir haben zwar unterschiedliche Meinungen zu Inhalt und Effektivität der BDS-Kampagne. Dass die palästinensische Bevölkerung jedoch das Recht hat, gewaltfrei gegen eine unmenschliche Besatzung zu agieren, steht für uns außer Frage.

Sie richten sich auch an deutsche Linke: Proisraelische Linke würden linke Juden attackieren, der israelischen Regierung helfen, sie mundtot zu machen, oder sogar die jüdische Identität für ihre Zwecke vereinnahmen. Hält die hiesige Linke zuwenig dagegen?

Vor allem bei sogenannten »Anti­deutschen« beobachten wir ein Umdefinieren des Antisemitismusbegriffs. Der Vorwurf des Antisemitismus wird instrumentalisiert, um die repressive Politik des israelischen Staates zu rechtfertigen. Die Fetischisierung Israels als »Jude unter den Staaten« durch deutsche Linke bezeugt nicht nur mangelnde Staats- und Nationalismuskritik. Sie tut auch den vielen Juden, die sich mit dem Nationalprojekt nicht identifizieren, großes Unrecht, ebenso und vor allem den Opfern der israelischen Politik!

Mitunter erleben wir, dass jüdische Nachkommen der Opfer von deutschen Nachfahren der Täter des Antisemitismus bezichtigt werden – im Namen der Juden.

Ja. Das zeigt, dass das Verständnis von Antisemitismus in bestimmten Kreisen nichts mehr mit Juden zu tun hat. Es ist widerwärtig und bizarr, dass sich die Enkel deutscher Täter anmaßen, in unserem Namen zu sprechen.

Gegen eine Konferenz in Frankfurt am Main, auf der jüngst palästinensische und israelische Kritiker der Besatzungspolitik sprachen, taten sich pro­israelische Linke und Rechte zusammen. Die Publizistin Jutta Ditfurth etwa mobilisierte gemeinsam mit Teilen der CDU und Unterstützern der israelischen Rechtsregierung.

Querfronten für Israel oder gegen die Palästinenser sind kein neues Phänomen. Wir sind immer wieder erschrocken, wie Neonazis den Kampf der Palästinenser instrumentalisieren, um Antisemitismus zu verbreiten. Es ist alarmierend, dass Mitglieder der Linkspartei oder der Grünen sich mit fundamentalistischen Christen oder jüdischen Unterstützern der Besatzung zusammentun, um deren Kritiker zum Schweigen zu bringen. Antisemitismus, Islamophobie und antiarabischen Rassismus gibt es auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

Was müsste passieren, damit eine linke jüdische Position wieder Gehör findet?

Die Schwäche der Linken in Israel hat viel mit der Politik der Angst und der erfolgreichen Unterdrückung einer emanzipatorischen Befreiungsbewegung in Palästina zu tun. Momentan sehen wir kaum Möglichkeiten der Veränderung, und das liegt auch an der starken Unterstützung, die Israel aus dem Ausland erhält. Darum leben viele von uns ja hier in Berlin und nicht in Tel Aviv. Hier müssen wir dafür sorgen, dass Antisemitismus nicht gegen andere Formen von Rassismus und Unterdrückung ausgespielt wird. Die Traumata und Ängste der jüdischen Community dürfen nicht für das Schüren von Hass gegen Araber und Muslime missbraucht werden!

Interview: John Lütten
Quelle (mit freundlicher Genehmigung): junge Welt v. 20.06.2017

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