Bremen – eine Hochburg des Antizionismus?

in der Villa Ichon

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Bremen und die Gruppe „Aktion Zaungast“, die der erweiterten antideutschen Szene (1) zuzurechnen ist, hatten am 1. Juni 2016 in die Villa Ichon eingelagen. Thema: „Zur Kritik Bremer Zustände. Israel-Obsessionen am Beispiel Arn Strohmeyers“.

Im Einladungstext wurde nicht mit großen Worten und schweren Vorwürfen gespart. „Dass Bremen eine Hochburg des Antizionismus ist, hat sich inzwischen bis nach Israel herumgesprochen. Aktivisten wie Arn Strohmeyer“, so hieß es weiter, „können hier weitgehend unwidersprochen vor Supermärkten zum Boykott israelischer Waren aufrufen, Mahnwachen vor dem Bremer Dom abhalten, als Inspektoren verkleidet die Kennzeichnungspfl icht für Waren aus der Westbank kontrollieren, antiisraelische Großdemonstrationen abhalten, auf denen Israel das Recht auf Verteidigung gegen Raketenangriff e abgesprochen wird und bis in den Weserkurier hineinregieren, um dort missliebige Journalisten kaltstellen zu lassen.“ Daran stimmt zwar so gut wie nichts, außer dass es die Palästina-Mahnwache regelmäßig vor dem Bremer Dom gibt und es eine Aktion zur EU-Kennzeichnungspflicht gegeben hat. Aber das mit dem Weserkurier ist reine Verschwörungstheorie. Der ehemalige „Chef vom Dienst“ im Weserkurier, Daniel Killy, hat im November 2015 seinen Job verloren und sich beschwert, dass sein Rausschmiss auf Antisemitismus beruhe, Verlagsleitung und Chefredaktion des Weserkuriers haben seinerzeit in einer umfangreichen und recht scharf formulierten Erklärung diese solcherart Vorwürfe entrüstet zurückgewiesen und stattdessen unterschiedliche Auffassungen über Killys zu leistenden Arbeitsaufgaben als Grund genannt. (wir berichteten ausführlich)

Herman Kuhn, Vorsitzender der hiesigen DIG,
hatte sich als erster Referent gut vorbereitet und formulierte eine weitgehend sachliche Kritik an dem neuen Buch von Arn Strohmeyer („Antisemitismus – Philosemitismus und der Palästinakonflikt: Hitlers langer verhängnisvoller Schatten“). Fehler in der Wiedergabe der historischen Fakten und Zusammenhänge konnte er nicht entdecken, sondern stellte seine Auswahl der Quellen (vorwiegend israelisch-jüdische Quellen) und natürlich seine gesamte und grundsätzliche Argumentation in Frage. Kuhns Kritik war scharf und grundsätzlich, wie das von einem engagierten DIG-Mitglied auch nicht anders zu erwarten war. Der Referent erklärte sich auf eine Anfrage während der Diskussion (Anfrage: Walter Ruffler) dankenswerterweise bereit, das Manuskript seines Referats zur genaueren Durchsicht zu Verfügung zu stellen.

Zwei Dinge an Kuhns Referat
fielen auf und sorgten offenbar auch für eine gewisse Überraschung beim Publikum:

  1. Erstens ging es um das Jahr 1948, das Jahr der Staatsgründung Israels. Kuhn bezog sich dabei, wie auch Strohmeyer, ausdrücklich und positiv auf die Ergebnisse und Interpretationen, wie sie seit den 80er Jahren in Israel von der Gruppe der „neuen Historiker“ erarbeitet worden sind. Danach kann das alte zentrale zionistische Narrativ „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ (nachzulesen hier: http://haolam.de/Israel-Nahost/2012-10/artikel_10652.html) als dekonstruiert gelten. Palästina war seit Jahrhunderten besiedelt, und die jüdische Immigration in das Land konnte zunächst mit Landkauf durch den Jüdischen Nationalfonds und später – vor, während und noch nach dem Krieg von 1948 – 1949 – nur durch die Vertreibung von über 700.000 Palästinensern und der Zerstörung hunderter von Dörfern, Kleinstädten und Wohnvierteln in den größeren Städten durchgesetzt werden. An Flucht und Vertreibung erinnern sich die Palästinenser alljährlich am Tag der Nakba (= Katastrophe).Die große Nakba-Ausstellung, die vom vom 18. Februar bis 17. März 2015 in der Zentralbibliothek mit vielen Begleitveranstaltungen stattfand, hat diese dunle Seite der Geschichte auch den Bremerinnen und Bremern bekannt gemacht.Die von den „neuen Historikern“ geschilderten Fakten wären nicht zu bestreiten, so Kuhn. Aber er würde sie im Unterschied zu Strohmeyer ganz anders interpretieren. Kuhn bezog sich wiederholt auf den Historiker Benny Morris, der in seinem Buch („The Birth of the Palestinian Refugee Problem“) die Grausamkeiten der Vertreibung im Detail und ziemlich schonungslos schilderte, sie aber letzten Endes als unvermeidbar bezeichnete. Sein in Israel sehr bekannter und ziemlich zynischer Spruch macht das deutlich: „Ich glaube nicht, dass die 1948er Vertreibungen Kriegsverbrechen waren. Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerbrechen.“ Wobei mit den Eiern die Palästinenser gemeint waren. Strohmeyer hingegen bezieht sich auf den jetzt in England lebenden und lehrenden israelischen Historiker Ilan Pappe (er diskutierte am 1. März 2015 im Überseemuseum über sein Buch) die Geschichte der Staatsgründung radikal anders interpretierte. Die Vertreibung, so Pappes Erklärung, wäre im Ergebnis eine „ethnische Säuberung“ (so auch der Titel seines Buches) gewesen und von schweren Kriegsverbrechen auf Seiten der verschiedenen jüdisch-israelischen Kampfverbände begleitet worden. (mehr Infos hier)
  2. Am Schluss seiner Ausführungen machte sich Herman Kuhn dann Gedanken um eine Gesamtbeurteilung des Strohmeyerschen Buches. Ja, die zionistische Ideologie und die Politik Israels würden scharf kritisiert. Aber wäre dann das Buch auch antisemitisch und Strohmeyer ein Antisemit? Der Referent wollte die Frage lieber offen lassen, und er forderte die vorwiegend jungen Zuhörer und Zuhörerinnen auf, sich selber diese schwerwiegende Frage zu beantworten.

Martin Stobbe, Autor der wie die „Aktion Zaungast“ ebenfalls dem antideutschen Spektrum (1) zuzuordnende Zeitschrift „Bahamas“ war dann weniger zurückhaltend. Er war erkennbar schlechter vorbereitet und beschäftigte sich in seinem sehr langen Referat fast überhaupt nicht mit dem Buch von Arn Strohmeyer – weil er es wahrscheinlich gar nicht gelesen hatte. Stattdessen mäanderte er durch die jüngere Geschichte, erzählte lange von den „Protokollen der Weisen von Zion“ (in Russland 1903 zum ersten Mal veröffentlicht), kam zum Mord an Walter Rathenau am Ende der Weimarer Republik, schließlich zu Hitler und seinen Nationalsozialisten, und zum Schluss zu Günter Grass und seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“. Irgendwie hatte das alles mit Antisemitismus und Israel zu tun, aber nach gut 50 Minuten mit viel vom Blatt abgelesenen Text machte sich Ermüdung breit und die Unmutsäußerungen begannen.

Einige Lacher konnte der Referent gegen sich verbuchen, als er aus einer (internen) e-mail von Detlef Griesche, dem Vorsitzenden der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft (DPG) in Bremen, vorlas und dann meinte, dass dieser und seine Gruppe sich wohl nicht trauen würden, an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen. Aber – Griesche und einige ähnlich wie er denkende Menschen saßen hinten im Saal und protestierten gut gelaunt ob dieser Fehleinschätzung.

Zum Schluss der Veranstaltung
wurde es dann überraschend doch noch ganz interessant. In der Diskussion vermissten einige der Zuhörer vehement, dass das Thema des Abends, nämlich die „Kritik Bremer Zustände“ überhaupt nicht behandelt worden sei. Was denn nun damit wäre? Schließlich hatte Benjamin Weinthal in der Jerusalem Post gerade in einem langen Artikel über die schlimmen Zustände in Bremen geschrieben. „Bremen ist das Zentrum anti-israelischer Aktivitäten in Deutschland“ („Bremen is the center of anti-Israel activity in Germany“) hieß es da. Und Weinthal hatte, wie er selbst schilderte, in Bremen rumtelefoniert und ge-e-mailt, beim Bürgermeister, bei der Villa Ichon, beim Bremer Friedensforum und bei den Grünen, uns so versucht, Auskünfte über die Bremer Zustände einzuholen. Seine Vermutung: im israel-feindlichen Bremen würde wohl gegen das Verbot der Volksverhetzung verstoßen, weil es u.a. Demonstrationen gegen die israelische Besatzung und gegen den Krieg im Gazastreifen und Diskussionen um die BDS-Kampagne gegeben hätte. Ein Bremer Abgeordneter fand sich offenbar nicht bereit zu einer Stellungnahme für derart ziemlich abstruse Ideen, aber die Bundestagsabgeordnete (CDU) Gitta Connemann aus dem Wahlkreis Unterems fand sich dann doch zu einer Verurteilung bereit und ließ sich von Weinthal folgendermaßen zitieren: „Wo stehen die Politiker und die Verwaltung in Bremen? Müssten sie sich nicht von BDS und dem Bremer Friedensforum distanzieren?“

Wie zu hören war, ist die relativ kleine politische Klasse in Bremen inzwischen mehr als genervt von den vielen Telefonanrufen, Recherchen und Vorwürfen seitens der Jerusalem Post auf der einen und den antideutschen und unbedingten Israelverteidigern auf der anderen Seite. Schließlich würde in Bremen in alter Tradition die Rede- und Diskussionsfreiheit ein wertvolles demokratisches Grundrecht darstellen. Und: die immer wieder wiederholten Vorwürfe würden durch ihre Veröffentlichung in der Jerusalem Post einem internationalen Publikum präsentiert, das, wie man in den Kommentarspalten dann lesen konnte, langsam anfängt zu glauben, dass Bremen in einem Sumpf des Antisemitismus zu versinken drohe.

Hermann Kuhn, selber der hiesigen politischen Klasse zugehörig, äußerte sich am Schluss der Veranstaltung dann auch deutlich distanziert und enttäuschte damit sicherlich die Erwartungen von vielen aus dem Publikum. Nein, meinte Kuhn, der Antisemitismus habe hierzulande nicht zugenommen. Im Gegenteil: in Befragungen sei festgestellt worden, dass antisemitische Haltungen in Bremen tatsächlich weniger als in anderen Gegenden Deutschlands anzutreffen seien.
Sönke Hundt

(1) mehr Informationen über die antideutsche Szene mit weiteren Verweisen hier

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